Literatur,  Plauderecke

Und was liest du so?

Immer, wenn ich erwähne, dass ich gerne lese und sogar darüber blogge, scheint eine Gegenfrage unausweichlich: „Und was liest du so?“. Auf jeden Fall eine berechtigte Frage, die ich auch anderen schon oft genug selbst gestellt habe. Nur leider scheint „alles Mögliche“ die wenigsten als Antwort zufrieden zu stellen. Seit einiger Zeit ist das allerdings die treffendste Umschreibung, die ich spontan für meinen Lesegeschmack habe.

 

Meine aktuelle Lektüre: Von (fast) allem etwas

Vor ein paar Tagen habe ich auf Instagram ein Bild gepostet mit sechs Büchern, die ich gerade alle parallel und durcheinander lese. Normaler Weise lasse ich nie zu, dass es so viele werden. Aber zwischen einem Buch, das schon länger halbgelesen herumliegt, einem für die S-Bahn, einem, dass ich bei der Messe dabeihatte, eines für zwischendurch und zwei Rezensionsexemplaren, hat sich das irgendwie so ergeben. Ups? Als ich den kleinen Stapel so vor mir sah, ist mir allerdings aufgefallen, dass er ziemlich gut einen Querschnitt meiner kunterbunten Leseliste repräsentiert. Das hätte ich nicht besser planen können. Wenn ich so darüber nachdenke funktioniert es vielleicht genau deshalb so gut, diese sechs Bücher parallel zu lesen. Je nach Laune greife ich zu einem anderen Genre und es besteht ganz sicher keine Gefahr, Figuren oder Ereignisse durcheinanderzubringen.

Gegenwartsliteratur: Unschuld von Jonathan Franzen

Franzen thematisiert in diesem Roman aktuelles und vergangenes Zeitgeschehen anscheinend so gut, dass er dafür sogar einen Preis bekommen hat. Dennoch ist Unschuld nicht derart anspruchsvoll geschrieben, dass man davon Kopfschmerzen bekommt. Mich hat dieser Roman wegen seines langsamen Erzähltempos und seiner unendlich erscheinenden Kapitel irgendwo in der Mitte etwas verloren. Grundsätzlich erfüllt er aber das, was ich mir aktuell von Büchern wünsche: Dass sie relevante Themen behandeln, Zeitgeschehen kommentieren oder mich zum Nachdenken anregen. Am besten natürlich alles zusammen.

Klassiker: The Picture of Dorian Grey von Oscar Wilde

In meinem Germanistikstudium komme ich natürlich ständig mit Klassikern der deutschen Literatur in Berührung. Da das Gras auf der anderen Seite aber bekanntlich immer grüner ist, erscheinen mir internationale Klassiker in meiner Freizeit viel interessanter. Es gibt so viele große Werke der Weltliteratur, die jeder kennt, auch wenn er sie nicht gelesen hat. Ich habe irgendwann ein ehrliches Bedürfnis entwickelt, möglichst viele davon zu lesen. Zurzeit ist das also The Picture of Dorian Grey.

Humorvolle Unterhaltungsliteratur: Die Känguru-Apokryphen von Marc-Uwe Kling

Der Kleinkünstler und sein Mitbewohner, das Känguru, haben mittlerweile schon einen gewissen Kultstatus erreicht. Endlich mal deutscher Humor, der wirklich lustig ist. Da bemerkt man fast gar nicht die gekonnte Kritik an Rassismus, bestimmten Aspekten des Kapitalismus und anderen großen Themen. Mich begleitet in der Bahn zur Zeit der neu erschienene Zusatzband zur Trilogie.

Romantische Unterhaltungsliteratur: Cecelia Ahern

Ab und zu ist mir nach einer seichten Lektüre fürs Herz. Und da ich den Schreibstil von Cecelia Ahern sehr mag, greife ich in solchen Momenten häufig zu ihren Büchern. Zur Buchmesse nahm ich für die Signierstunde Der Glasmurmelsammler mit, da die Protagonistin heißt wie ich (nach irgendeinem Kriterium musste ich schließlich entscheiden). Damit war dann auch gleich meine Lektüre für die Zugfahrt entschieden. Zwar ist nun dieses Buch ausgerechnet eine von Aherns Geschichten, die sich nicht um ein Liebespaar drehen, aber das Herz erwärmt es trotzdem.

Sachbuch | Feminismus: The Future is Female von Scarlett Curtis (Hg.)

In meiner Freizeit habe ich lange nur Belletristik gelesen. Sachtexte waren für mich durch Schule und Studium gedanklich immer mit Anstrengung verbunden. Irgendwann wurde ich es leid, mein Gehirn immer nur mit literaturwissenschaftlichen Texten zu meinen Seminaren und Hausarbeiten zu füttern. So hat in den letzten Monaten ein ganzer Stapel Sachbücher Einzug in mein Bücherregal gehalten. Vor kurzem dann auch diese Neuerscheinung aus dem Goldmannverlag. Seit einiger Zeit habe ich nämlich das Bedürfnis, gerade zu Feminismus mehr zu lesen, meine Überzeugungen mit den Ansichten anderer zu vergleichen, und von ihnen eventuell zu lernen.

Lyrik: Poems That Make Grown Men Cry von Anthony und Ben Holden (Hg.)

Ich habe nie einen richtigen Zugang zu Lyrik gefunden und Gedichtanalysen in Schule und Studium haben mir den Rest gegeben. Diese Gedichtsammlung ist jedoch besonders, da sie verschiedenste Gedichte aus allen Epochen vereint. Jedes Gedicht wurde von einer Person des öffentlichen Lebens ausgesucht und kommentiert. In diesem Band waren das alles Männer, es gibt aber auch noch einen weiteren Band mit Frauen (warum die Trennung gemacht wurde ist mir allerdings schleierhaft).

 

Die Negativ-Liste

Immer, wenn eine Auflistung zu lang und unübersichtlich wird, empfielt sich die Gegenprobe. Tatsächlich fällt es mir viel leicht, in Worte zu fassen, was ich nicht lese. Als erstes muss ich da an Fantasy denken. Zwar gibt es in meinem Regal durchaus auch Neuzugänge, deren Handlung übernatürliche Elemente aufweist. Aber die Zeiten, in denen meine Lektüre Elfen, Zwerge und Orks enthielt, sind jetzt schon seit paar Jahren vorbei. Das war ein klarer Fall von: Wenn man etwas zu lange und intensiv konsumiert, hat man es irgendwann über. Das andere große und beliebte Genre, das man in meinem Regal (beinahe) vergeblich sucht, ist Spannung. Egal, ob Krimi oder Thriller – ich habe es vermutlich nicht gelesen. Die ganz große Ausnahme ist hier natürlich der Detektiv aus der Baker Street. Fast um den generellen Mangel an Kriminalliteratur zu kompensieren, nimmt Sherlock Holmes ein ganzes Regalbrett ein (nur ein kleines, aber trotzdem).

 

Warum sollte ich meinen Lesegeschmack festlegen?

Ich kann schon verstehen, dass „alles Mögliche“ keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage nach dem Lesegeschmack einer Person ist. Jedoch ist mir aufgefallen, dass die überwiegend verständnislosen und teils genervten Reaktionen darauf hauptsächlich in Small-Talk-Situationen vorkamen. Tut mir leid, wenn die Unterhaltung dadurch kurz ins Stocken gerät. Aber ich werde nicht so tun, als würde ich nur Bücher eines bestimmten Genres lesen, damit meinem Gegenüber meine Antwort besser gefällt. Ich bin meistens gedanklich sogar schon darauf vorbereitet, auszuführen, was ich gerade lese oder ob mich irgendwelche Themen besonders interessieren. Allerdings wollen das erfahrungsgemäß die meisten dann schon gar nicht mehr hören.

Beim Bloggen gilt generell der O-Ton: Je klarer die Linie, desto besser. Indem ich nicht nur über Bücher blogge, sondern auch Filme und andere Themen hier ihren Platz haben, ignoriere ich die Regel ohnehin schon. Als ich mein Media Kit (pdf) erstellt habe, musste ich mich dann aber doch der Genrefrage stellen. „Alles Mögliche“ liest sich nicht besonders professionell. Stattdessen habe ich also das weite Feld aufgebrochen, und in möglichst umfassenden Begriffen aufgelistet. Sagt im Grunde das gleiche aus, sieht aber gleich viel besser aus. Problem gelöst. Gerade fällt mir auf: Vielleicht sollte ich mir diesen Trick für Small-Talk-Situationen merken?

Es gibt nur einen Bereich, in dem ich erwartet hätte, dass meine schwammige Umschreibung meines Lesegeschmacks problematisch werden könnte: die Verlagsbranche. Vor ein paar Semestern hatte ich mal einen Englischkurs zu Business English besucht. Dabei haben wir auch Bewerbungen besprochen und ich höre noch heute meine Dozentin, die sagt: „Gebt ja nicht Lesen als Hobby an, wenn ihr nicht ganz genau ein Genre benennen könnt“. Na toll. Und ich will natürlich auch noch ausgerechnet in die Branche, in der Lesen am wichtigsten ist. Als ich dann im Sommer mein Praktikum im Lektorat eines großen deutschen Publikumsverlags gemacht habe, kam natürlich auch die gefürchtete Frage. Überraschender Weise waren hier alle froh, dass ich querbeet (fast) alles lese. Denn so konnten sie mir aus allen Bereichen Manuskripte zuschieben. Klar, irgendwann muss sich jede Lektorin festlegen. Aber selbst dann muss mein persönlicher Lesegeschmack nicht vollkommen mit meinem beruflichen Bereich übereinstimmen.

Ich möchte an meinem Leseverhalten genretechnisch absolut nichts ändern. Wer mit „allem Möglichen“ nichts anfangen kann, hat eben Pech gehabt. Aber ich lese immer noch für mich selbst. Und irgendwie finde ich es sogar richtig gut so: Mein Bücherregal bietet immer Abwechslung, die jeder Leseflaute entgegenwirkt. Und mein Blog hat dadurch vielleicht keine erkennbare klare Linie, aber dafür findet hoffentlich jeder etwas, das ihn anspricht.

6 Kommentare

  • Nadine

    „alles mögliche“ ist auch meine Standardantwort auf die Frage, aber wo soll ich da anfangen, was ich lese? Da bin ich ja erstmal eine halbe Stunde dabei einen Monolog vorzutragen. 😀

    Deine Zusammenstellung war interessant zu lesen, weil ich auch nicht alles kannte und es immer schön finde auf neue Schätze zu stoßen.

    Ich habe früher eine Zeit lang nur Fantasybücher gelesen, bis es mir leid war und ich andere Genres brauchte. Mittlerweile bin ich wieder zu Fantasy gestoßen. Wechsle aber nach ein/ zwei Büchern wieder zu einem Buch aus einem anderen Genre, weil ich Abwechslung brauche.

    Liebe Grüße,
    Nadine

    • Sabrina

      Liebe Nadine,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Freut mich, dass es dir genauso geht – und natürlich, dass du durch meinen Beitrag auf neue Schätze gestoßen bist. Durch die Fantasyphase sind wir fast alle mal gegangen, oder?

      Liebe Grüße
      Sabrina

  • Jacquy

    Ich verstehe auf der einen Seite, dass „alles mögliche“ eine sehr vage Antwort ist, allerdings finde ich, dass man darauf doch genauso gut ein Gespräch aufbauen kann, indem man nach Beispielen fragt oder mehrere Genres aufzählt.
    Vor ein paar Jahren konnte ich noch ziemlich klar „Jugend-Fantasy“ auf diese Frage antworten, aber mittlerweile hat sich mein Geschmack so verändert und ausgeweitet, dass ich das auch nicht mehr wirklich benennen kann. Krimis und Thriller findet man in meinem Regal allerdings auch nicht und das scheint viele Gelegenheitsleser zu irritieren, weil es da oft die erste Wahl ist. Das Problem mit dem Parallellesen durch die verschiedenen Genres kenne ich auch, denn ich habe meist ein „Hauptbuch“ und daneben einen Klassiker und/oder ein Nonfiction Buch, weil ich die beiden letzteren eher nicht am Stück lese, sondern maximal kapitelweise und da immer wieder Abwechslung brauche.
    Dass im Verlag ein breiter Lesegeschmack und damit auch breitere Kenntnisse anfangs von Vorteil sind, kann ich mir gut vorstellen. Spezialisieren kann man sich ja immer noch und da kommt es dem Verlag bestimmt zugute, wenn er da einen gewissen Einfluss hat und mit einem vielleicht eine Lücke füllen kann.

    • Sabrina

      Liebe Jacquy,

      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! An der Reaktion auf mein „alles Mögliche“ merke ich immer recht schnell, wie interessiert jemand wirklich an meiner Antwort ist. Wie du sagst, kann man darauf auch sehr gut ein Gespräch aufbauen, indem man ausführlicher darüber redet. Ich habe oft das Gefühl, dass diejenigen, die nur aus Höflichkeit fragen, eine Ein-Wort-Antwort erwarten, um die Frage abhaken zu können und sich für ein längeres Gespräch überhaupt nicht interessieren. Dass Krimis und Thriller gerade bei Gelegenheitslesern besonders beliebt zu sein scheinen ist mir jetzt auch schon mehrmals aufgefallen.
      Wie du brauche ich auch bei Nonfiction immer noch einen Roman parallel. Ansonsten versuche ich grundsätzlich aber schon, mich auf ein Buch zu beschränken. Mein derzeitiger Lesestapel ist wirklich ganz untypisch für mich eskaliert.

      Liebe Grüße
      Sabrina

  • Janika

    Liebe Sabrina,
    das ist ein toller und vor allem sehr interessanter Beitrag! Mir passiert es leider auch viel zu oft, dass ich zu viele Bücher zeitgleich lese. Sechs Bücher habe ich aber auch lange nicht mehr hinbekommen. Derzeit sind es zwei, die ich sehr intensiv lese und drei angelesene. Von diesen drei angelesenen ist eins ein Prosaband, den ich gut zum Einschlafen lesen kann und irgendwie auch nur dann. Ich weiß auch nicht 😀
    Wie du bin ich da gerne auch mal Stimmungs- und Ortleser, ganz nach dem Motto: Das ist mein Messebuch, das ist mein Bahnbuch 🙂
    Ich finde, bei manchen Romanen braucht man auch eine bestimmte Stimmung 🙂
    Alles Liebe,
    Janika

    • Sabrina

      Hach, freut mich, dass es dir auch so geht! Bei mir ist es oft eine Mischung aus Stimmung und ganz praktischen Gründen. Ich würde z.B. nie einen 800 Seiten Roman irgendwohin mitnehmen, meine Taschen sind so schon immer viel zu schwer 😀

      Alles Liebe
      Sabrina

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