Belletristik,  Buchrezension,  Literatur

Aller guten Dinge sind drei?
Der kleine Prinz durch die Jahre

Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry gehört wohl nicht nur zu den bekanntesten Kindergeschichten, sondern auch zu den bekanntesten Romanfiguren. Dieser kleine blonde Junge auf seinem winzigen Planten ziert Notizbücher, Kalender und gefühlt eigentlich alles, was man in einer Papeterie so findet. Das Zitat „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ fällt auf Hochzeiten beinahe ebenso oft wie „Die Liebe ist langmütig und freundlich …“ (1. Kor. 13). Mit anderen Worten: An Der kleine Prinz führt eigentlich kaum ein Weg vorbei. Auch für mich nicht. Abgesehen von den Motiven und Zitaten hat die Geschichte genau drei Mal meinen Weg gekreuzt – mit unterschiedlichen Wirkungen.

 

Mit 5 Jahren

Würde mir irgendjemand glauben, wenn ich felsenfest behaupten würde, dass meine drei Begegnungen mit dem kleinen Prinzen wirklich jeweils genau 10 Jahre auseinander lagen? Keine Ahnung. Aber ich habe auch keine Ahnung, ob die Behauptung tatsächlich falsch ist, also bleibe ich dabei – für die Ästhetik des Beitrags, versteht sich. Fakt ist: Beim ersten „Lesen“ war ich noch ein kleines Kind und die Erinnerung ist zwar da, aber sehr verschwommen. Ich meine, es nicht selbst gelesen, sondern gehört zu haben. Vielleicht ein Hörbuch? Gleichzeitig meine ich, mich an die Zeichnungen zu erinnern. Also vielleicht wurde mir das Buch vorgelesen?

Ganz deutlich erinnern kann ich mich an die Verwirrung. Zum einen wegen der Zeichnungen: Schlange? Elefant? Man konnte mir als Kind wirklich keine mangelnde Fantasie vorwerfen, aber für mich war das ein Hut. Zum anderen war mir episodenhaftes Erzählen noch fremd. Ich kann mich noch gut erinnern, von den wechselnden Figuren hoffnungslos verwirrt zu sein. Alles in allem kein erfolgreicher Erstkontakt. Ausgehend davon bezweifle ich noch heute die Kategorisierung der Geschichte als Kinderliteratur.

 

Mit 15 Jahren

Als ich die Geschichte zum zweiten Mal – und dieses Mal wirklich selbst – las, verstand ich noch viel weniger. Ja, ich war inzwischen deutlich älter. Aber meine Französischkenntnisse waren nie besonders gut und so hatte ich einige Sprachschwierigkeiten, als wir Le Petit Prince im Unterricht durchnahmen. Übrigens der erste und letzte Versuch meiner Lehrerin, mit der Klasse ein Buch zu lesen. Ich versuche mir also einzureden, dass die Erfahrung nicht nur für mich katastrophal war. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass wir den Versuch nach wenigen Kapiteln (und das Büchlein ist ja sowieso nicht dick) abgebrochen haben. Außer ein paar neuen Vokabeln und dem, was ich geschafft habe, mir an Handlung zum Romananfang zusammenzureimen, blieb nicht viel hängen.

 

Mit 25 Jahren

Vor wenigen Wochen habe ich dann eine Hörbuchfassug von Der kleine Prinz bei Spotify entdeckt und mir fiel auf: Nach einer sehr verschwommenen und von Verwirrung geprägten Erinnerung an die Geschichte aus meiner Kindheit und den Sprachbarrieren im Französischunterricht, hatte ich eigentlich keine Ahnung, was in der Geschichte überhaupt passiert. Interessant fand ich jetzt beim Hören vor allem die Seitenhiebe auf das Erwachsensein. Da ist natürlich der bekannte Hut – Entschuldigung: die Boa, die einen Elefanten verschluckt hat – zu Beginn des Textes. Aber sehr viel aussagekräftiger kamen mir die Bewohner der Planeten vor, die der kleine Prinz auf seiner Reise besucht. Zugegeben, manche sind etwas platt, wie beispielsweise der Alkoholiker. Doch die Art und Weise wie scheinbar wichtige Eckpunkte des Erwachsenseins wie Macht, Besitz und Pflicht anhand lächerlicher Figuren als lächerlich entlarvt werden, hat beinahe satirischen Charakter.

Allerdings habe ich mich beim Hören die gesamte Zeit gefragt, ob Kinder diesen Bezug bereits herstellen können. Vielleicht unterschätze ich Kinder hier, aber ich bin mir relativ sicher, den Grund dafür gefunden zu haben, weshalb ich als Kind mit dieser Geschichte so überhaupt nichts anfangen konnte. Auch jetzt werde ich nicht anfangen, jeden davon überzeugen zu wollen, dass man diesen Klassiker gelesen haben muss. Vor allem, weil mir eine Sache extrem unangenehm aufgefallen ist: Es kommt in der gesamten Handlung keine weibliche Person vor. Sämtliche Bewohner der Planeten – egal ob König, Geschäftsmann, Forscher oder was auch immer – sind Männer. Den deutschen Artikeln ist geschuldet, dass die Blume und die Schlange als weiblich aufgefasst werden können, aber das ist schon eine sehr dürftige Ausbeute. Zugegeben, keine der erwähnten Figuren kommt gut weg. Wir Frauen könnten den Spieß also einfach umdrehen und uns freuen, dass sich scheinbar nur Männer dazu eignen, die negativen Eigenschaften darzustellen, auf die der Roman anspielt. Ich fürchte allerdings, dass das nicht der Grund für die fehlende Repräsentation ist.

Insgesamt würde ich meine dritte Begegnung mit dem Kleinen Prinzen als Erfolg verbuchen: Ich habe die Handlung endlich verstanden. Und wenn ich mir die satirischen Seitenhiebe und inspirierenden Zitaten anschaue, kann ich euch ein Stück weit nachvollziehen, weshalb dieses Büchlein und seine Hauptfigur so viel Aufmerksamkeit bekommen. Ein Fan bin ich trotzdem nicht und werde es auch nie werden.

4 Kommentare

  • Tina

    Liebe Sabrina,

    ich gebe offen zu, ich habe den kleinen Prinzen bis heute nicht gelesen. Sicherlich werde ich es irgendwann einmal tun, aber bis jetzt habe ich nur eine sehr schöne Bilderbuchvariante von Mixtvision im Shelf stehen, mehr nicht.

    Danke für deine Eindrücke über 3 Jahrzehnte, ich finde das sehr aufschlussreich und verstehe deine Bedenken.

    Liebe Grüße
    Tina

  • Mikka

    Hallo,

    ja, in dem Alter hab ich es auch im Französischunterricht gelesen. Und in Französisch war ich nie gut! Ich ging an ein altsprachliches Gymnasium, und da hatten wir Latein ab der 5., Englisch ab der 7. und Französisch erst seit der 9. Ich hab es in der Oberstufe dann auch bei erster Gelegenheit abgewählt…

    Wann ich es das erste Mal auf Deutsch las, weiß ich gar nicht mehr. Ich war jedenfalls begeistert. Ich kann mich erinnern, dass ich es dann auch mal als Theaterstück des Tanztheater Regenbogens gesehen habe, und das war wirklich wunderschön.

    LG,
    Mikka

    • Sabrina

      Hallo Mikka,
      dann habt ihr euch ja sehr schnell am Kleinen Prinzen versucht. Ich hatte zu dem Zeitpunkt immerhin schon seit der 6. Klasse Französisch.
      Freut mich, dass die Geschichte dich auf Deutsch dann begeistern konnte. Als Tanztheater hätte es mir sicher auch gefallen.

      Liebe Grüße
      Sabrina

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