Belletristik,  Buchrezension

Christopher Paolini: Die Gabel, die Hexe und der Wurm – Funktioniert die Fortsetzung der Eragon Reihe nach 10 Jahren?

 

Werbung | Rezensionsexemplar

Eragon hat sein Vorhaben in Angriff genommen, gemeinsam mit den Menschen, Elfen, Zwergen und Urgals einen sicheren Platz für die Drachen und ihre Reiter zu schaffen. Eingespannt in seine neuen Aufgabe, bekommt er kaum mir, was in Alagaësia vor sich geht. So sind eine Vision der Eldunarí, der Besuch einer alten Freundin und eine Legende der Urgals eine willkommene Ablenkung.

Ich kam mit Eragon zum ersten Mal durch den Kinofilm in Berührung. Rückblickend der ganz falsche Weg, aber für mich hat es funktioniert. Ich kannte nicht nur die Eragon Bände nicht, ich hatte auch sonst mit Fantasy abseits von Hogwarts nichts zu tun, als mich eine Freundin ins Kino schleppte. Es war vor allem die Drachendame Saphira, die mich sofort in ihren Bann zog. Aber auch die Magie, die Elfen und die Zwerge verleiteten mich dazu, so schnell wie möglich die Bücher zu lesen. So kam ich zum Fantasygenre, das daraufhin ein paar Jahre meine Leseliste beherrschte. Eragon war für mich also eine ganz besondere Geschichte.

 

10 Jahre Funkstille

Während in den sozialen Medien gerade gefühlt alle ihre Profilbilder von vor 10 Jahren mit heute vergleichen, hat Christopher Paolini seine ganz eigene #10yearchallenge abgeliefert. Zehn Jahre nach dem vermeintlichen Abschluss seiner Eragon-Reihe erschien nun Die Gabel, die Hexe und der Wurm. Obwohl die Handlung nach den Ereignissen in Die Weisheit des Feuers angesiedelt ist, würde ich den Band nicht als klassische Fortsetzung bezeichnen. Der Untertitel Geschichten aus Alagaësia lässt den Episodencharakter schon erahnen. Insgesamt drei Kurzgeschichten über bekannte und unbekannte Bewohner Alagaësias sind in eine Rahmenhandlung eingebettet, die uns Eragon beim Aufbau des Drachenhorsts zeigt. Es ist zu erwarten, dass noch weitere solche Geschichten folgen werden. Dies legt zumindest der Zusatz Band 1: Eragon nahe. Auch auf Paolinis Webseite steht, er habe „future plans for many other Alagaësian tales.“

Mich hat überrascht, wie schnell diese zehn Jahre Pause beim Lesen verpufft sind. Vermutlich ist das der Moment, an dem ich zugeben sollte, dass ich die Reihe nicht nochmal gelesen habe. Stattdessen vertraute ich darauf, dass ich sie einmal so gut wie auswendig konnte. Vielleicht nicht wortwörtlich, aber Fakten und Ereignisse hatte ich ebenso parat wie bei Harry Potter – und das will was heißen. Tatsächlich war noch genug hängen geblieben, dass ich ohne Probleme wieder in die Welt von Alagaësia fand. Nicht nur die Figuren, sondern vor allem Paolinis Schreibstil war mir sofort wieder vertraut.

 

Antworten auf lang ersehnte Fragen?

Band 4 der Eragon-Reihe hat mich damals eher ratlos zurückgelassen. Viele der Handlungsstränge, die Paolini im Verlauf der Reihe eröffnete, brachte er recht abrupt und wenig zufriedenstellend zu Ende. Das Schicksal einiger Figuren wurde halbherzig angerissen oder blieb völlig offen. Fragen blieben ungeklärt oder wurden neu aufgeworfen. Ich hatte mich schon längst damit abgefunden, als Ende 2018 der cbj Verlag plötzlich unerwartet eine Fortsetzung angekündigte. Umso überraschender, da Paolini in der Zeit überhaupt nichts von sich hatte hören lassen. Dementsprechend rechnete ich damit, dass dieses Buch in eine von zwei Richtungen gehen würde: Ein eingerosteter Autor greift seinen Megaerfolg wieder auf, da er sonst nichts zu erzählen hat, und zerstört die Reihe vollends. – Oder wir bekommen endlich die Antworten, auf die wir so lange warten mussten.

Überraschender Weise ging Die Gabel, die Hexe und der Wurm in keine dieser Richtungen. Wie schon angedeutet schließt der Band stilistisch gefühlt nahtlos an die vorangehenden an. Eingerostet erschien Paolini mir keineswegs. Auch scheint er sich in seiner erschaffenen Fantasywelt immer noch zurechtzufinden. Oder sollte ich sagen: wieder? Immerhin war Die Weisheit des Feuers voll von Widersprüchen, die nicht hätten passieren dürfen. Doch die Kurzgeschichten gehen viel zu wenig ins Detail, als dass großartig Ungereimtheiten entstehen hätten können. Und indem sie so oberflächlich bleiben, wurden leider auch keine meiner Fragen beantwortet.

 

Wiedersehen mit alten Bekannten

Im Laufe der vier Eragon Bände kam eine ganze Reihe von Figuren zusammen, die in irgendeiner Weise entscheidend zur Handlung beigetragen haben und so den Lesern im Gedächtnis blieben. Gerade eine Handvoll davon – es sind tatsächlich genau fünf – treten in Die Gabel, die Hexe und der Wurm wieder auf. Der Rest wird im besten Fall kurz erwähnt. Beispielsweise ist Eragons Cousin Roran auffällig abwesend. Vor allem dafür, dass er den zweiten Band fast ebenso dominierte wie der Drachenreiter selbst. Wenn Roran hier überhaupt genannt wird, muss ich die Stelle überlesen haben.

Natürlich treffen wir Leser wieder auf Eragon und Saphira. Wenn auch nur in der Rahmenhandlung, die die drei Kurzgeschichten zusammenhält. Entsprechend kurz ist der Einblick in ihr Leben im Drachenhorst. Besonders viel zu erzählen gibt es darüber allerdings auch nicht. Vor allem Saphira döst meist in irgendeiner Ecke, wie ein besseres Haustier. Und Eragon weiß nicht viel mit sich anzufangen, jetzt da seine Feinde besiegt sind. Eigentlich sehr interessant zu sehen, wie mühsam es für die beiden ist, sich an ein Leben ohne den Überlebenskampf zu gewöhnen. Daraus hätte man sich noch mehr machen können, und vielleicht wird es in möglichen zukünftigen Bänden noch stärker adressiert.

Die Gabel

In Die Gabel tritt eine mysteriöse Figur auf, deren Identität beim Lesen dann doch sehr leicht zu erraten ist. (Zumal der Deckname nicht besonders clever gewählt ist). Aber ich möchte hier trotzdem niemandem die Überraschung nehmen. Für mich war es definitiv eine angenehme Überraschung, zu erfahren, wo sich diese Person inzwischen herumtreibt. Vielleicht, weil ihre Zukunft am Ende des vierten Bandes sehr offengehalten wurde und sie immer etwas undurchsichtig war. Undurchsichtig beschreibt leider auch ziemlich gut den Einblick, den wir in das Leben dieser Person bekommen. Offensichtlich auf irgendeiner mysteriösen Mission unterwegs, liefert die Natur dieser Mission mehr Fragen als Antworten.

Die Hexe

Wer im Mittelpunkt der Kurzgeschichte Die Hexe steht, dürfte unschwer zu erraten sein. Angela war eine der ersten Figuren, die Eragon auf seiner Reise traf und tauchte danach immer wieder auf. Stets etwas skurril und nur sich selbst verpflichtet, fiel sie immer etwas aus dem Rahmen der anderen Figuren. Vielleicht mochte ich sie deshalb immer ganz besonders und habe mich gefreut, dass sie in dem neuen Band so prominent auftaucht. Zum ersten Mal bekommen wir Leser einen Einblick in ihr Leben, den sie uns selbst gewährt. Denn der Band enthält Auszüge aus Angelas Memoiren. Übrigens schrieb diese Textpassagen nicht Christopher Paolini, sondern seine Schwester Angela. Da sie Paolini zufolge der Hexe mehr als nur im Namen eine Vorlage war, passt das natürlich perfekt. Allerdings kann ich nicht behaupten, dass ich den Autorenwechsel beim Lesen bemerkt hätte.

In der Angela-Episode taucht übrigens auch Elva wieder auf. Das Mädchen, das als Baby von dem noch magisch unerfahrenen Eragon ausversehen verflucht wurde, sorgte bei mir in den ursprünglichen Bänden für die meisten Fragezeichen. Ihr Schicksal wurde stets so bedeutungsschwanger betont, ohne dass je klar wurde, worauf es hinauslaufen soll. Leider bin ich in der Hinsicht auch jetzt noch nicht schlauer.

 

Neue Einblicke

In den vorangehenden Bänden mussten sich Eragon und Saphira in ihrem Kampf gegen Galbatorix immer wieder dessen Armee aus Urgals stellen. Die kriegerischen Kreaturen mit ihren gehörnten Schädeln und massigen Körpern vertraten ein nicht näher bestimmtes Feindbild. Die Geschichte vom Wurm von Kulkaras gibt erstmals Einblick in das Leben dieses Volkes. Ilgra, ein Urgalweibchen aus dem Stamm der Skgaro stellt sich einem wilden Drachen, um ihren Vater zu rächen. Mir persönlich hat diese der drei Kurzgeschichten am besten gefallen. Zum einen ist es die einzige mit einer in sich geschlossenen Handlung und einem ausgearbeiteten Spannungsbogen. Zum anderen fand ich es spannend, mehr über die Urgals zu erfahren. Wie sie in ihren Dörfern zusammenleben, an welche Götter sie glauben, ihr Verhältnis zu Magie.

 

Bonusmaterial für Vollblutfans

Die Gabel, die Hexe und der Wurm hätte es nicht unbedingt gebraucht. Die Geschichten liefern für die Reihe keinen Mehrwert, Fragen bleiben weiterhin ungeklärt. Aber allen Fans der Drachenreiter-Saga, die Alagaësia vermisst haben, bietet sich hier eine wunderbare Möglichkeit, noch einmal in diese Welt einzutauchen. Ein kurzweiliges Lesevergnügen, das die Leser mit altbekannten Figuren zusammenbringt und neue Einsichten in das Leben der Urgals gewährt.

Vielen Dank an den cbj Verlag und das Bloggerportal von Random House für das Rezensionsexemplar.

3 Kommentare

  • Steffi

    Hey,

    ich habe mich bisher nicht an das neue Buch von Christopher Paolini getraut, weil ich den letzten Eragon-Band echt schlecht fand. Irgendwie war das so, als müsste er die Reihe unbedingt beenden und klatscht einfach mal ein Buch dahin.
    Vielleicht nehme ich mir sein neues doch mal vor…

    Hab ein tolles Rest-Wochenende!

    Ganz lieben Gruß

    Steffi

    #litnetzwerk

    • Sabrina

      Hallo Steffi,

      mir ging es mit dem letzten Band exakt wie dir! Daher war ich erst auch eher skeptisch, aber die Neugierde war dann doch stärker. Bin gespannt, wie dir das Neue gefällt, wenn du es doch noch liest.

      Liebe Grüße
      Sabrina

  • Mo

    Das klingt ja lange nicht so schlimm wie befürchtet und scheint einmal lesen Wert zu sein.

    Ich wusste gar nicht, dass Eragon eines deiner ersten Fantasy-Bücher war. Und dass du dem Film vor dem Buch kanntest °-° (Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf Fantasy gekommen bin. Aber ich glaub fast, ich Les das schon immer. Es gibt ja auch Kinderfantasybücher.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Privacy policy

*

Ich stimme der Datenspeicherung zu