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Nussknacker und Mausekönig: Ein Weihnachtsmärchen als Buch, Ballett und Blockbuster

Nussknackerfiguren aus Holz gehört zur Weihnachtsdeko wie Christbaumkugeln und Strohsterne. Übermenschlich groß stehen sie auf Weihnachtsmärkten und öffnen und schließen mechanisch ihren riesigen Mund. Winzig klein baumeln sie als Schmuck im Christbaum. Und dazwischen gibt es Figuren zum Aufstellen in allen möglichen Größen und Ausführungen: Neben den ganz traditionellen in Uniform stellen andere Berufe dar, Karikaturen, Tiere oder Weihnachtmänner. Der Fantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt.

Wenn man einer der traditionellen Figuren in ihr grimmiges Gesicht schaut, erinnert sich vielleicht der ein oder andere an dieses Weihnachtsmärchen, das sich um genau so eine Figur dreht. Alle paar Jahre präsentiert irgendein Filmstudio eine Verfilmung des Stoffs. Kaum eine wird dabei so viel Aufmerksamkeit erhalten haben wie dieses Jahr Disneys Der Nussknacker und die vier Reiche. Aber auch das Ballettstück Der Nussknacker von Pjotr (Peter) Tschaikowski erfreut sich regelmäßig zur Weihnachtszeit großer Beliebtheit. Allein in der Stuttgarter Liederhalle versuchen gleich vier verschiedene Inszenierungen die Zuschauer im Dezember und Anfang Januar in die Nussknacker-Welt zu entführen. Dabei erinnern sich die wenigsten, dass die Geschichte rund um ein junges Mädchen, das zu Weihnachten eine Nussknackerfigur geschenkt bekommt, auf E. T. A. Hoffmanns Kunstmärchen mit dem Titel Nußknacker und Mausekönig zurückgeht.

 

BUCH

Das Original von E. T. A. Hoffmann

Die Handlung in Kürze: Louise, Marie und Fritz Stahlbaum freuen sich zu Weihnachten immer ganz besonders über die Geschenke ihres Paten Droßelmeiers. Dieses Jahr bekommen die drei neben feinmechanischen Wunderdingen außerdem einen Nussknacker geschenkt. Besonders Marie findet sofort Gefallen an ihm. Doch am Abend wird sie Zeugin, wie all ihr Spielzeug zum Leben erwacht und unter dem Kommando des Nussknackers in den Kampf gegen den Mausekönig und seine Armee ziehen, die aus sämtlichen Ritzen gekrochen kamen.

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Niemand glaubt Marie ihre Geschichte. Doch dann erzählt Droßelmeier das Märchen von der harten Nuss, in dem ein Junge in einen Nussknacker verwandelt wird. Und Marie ist überzeugt, dass es sich bei ihrem Nussknacker um diesen Jungen und noch dazu den Neffen Droßelmeiers handeln muss. Als also der Mausekönig zu ihr kommt und das Leben des Nussknackers bedroht, tut sie alles, um ihn zu retten. Im finalen Kampf tötet der Nussknacker den Mausekönig und zeigt Marie als Dank sein Puppenreich. Marie erwacht am nächsten Morgen in ihrem eigenen Bett. Sie vermisst den Nussknacker, in den sie sich inzwischen verliebt hat. So erlöst sie ihn von seinem Fluch und er kann als richtiger Junge zurückkehren.
Was macht den Zauber des Nussknacker-Märchens aus?

Nussknacker und Mausekönig liefert alles, was man sich von einem Märchen erhoffen kann: tapfere Helden, actionreiche Schlachten, Prinzessinnen, Magie und viel Fantasie. Die Puppen- und die Mäusearmee treten in gleich zwei Schlachten gegeneinander an. Und dabei stellt sich Marie dem Mausekönig ebenso tapfer entgegen wie ihr geliebter Nussknacker.

Das Märchen von der harten Nuss, das Droßelmeier den Kindern erzählt, liefert einen ganz typischen Märchenaufbau: Eine wunderschöne Königstochter, die von der Mäusin Frau Mauserinks aus Rache verflucht wird und nur ein Jüngling kann sie erlösen.

Am Ende dann wird Marie und mit ihr der Leser in das Puppenreich geleitet: ein Fantasieland, das Kinderträume wahr werden lässt. Sie erscheint in den prächtigsten Farben und wie aus Süßigkeiten gemacht, Ströme aus Limonade und Honig durchziehen das Land. Die Orte tragen hinreißende Namen wie Weihnachtswald, Pfefferkuchenheim oder Bonbonhausen. Es ist ein bisschen wie Charlie und die Schokoladenfabrik meets Oz.

 

Ursprung im 19. Jahrhundert: Ist das Märchen heute noch zeitgemäß?

Die Handlung ist grundsätzlich zeitlos und wird hoffentlich noch lange Zeit die Weihnachtszeit bereichern. Doch Sprache und Erzählstil sind etwas gewöhnungsbedürftig. Auch die Glorifizierung alles Militärischen passt dann doch nicht mehr so richtig in unsere Zeit.

Jeder Text spiegelt das Gedankengut seiner Zeit wieder und Nussknacker und Mausekönig ist da keine Ausnahme. E. T. A. Hoffmann veröffentlichte sein Kunstmärchen 1816. Wie häufig bei Klassikern sind einige Aspekte der Handlung nach heutiger Auffassung unangebracht und problematisch. Auf ungefähr zehn Seiten entführt die Erzählung ihre Leser in das Puppenreich. Wahrlich ein Kindertraum, in dem man sich verlieren könnte. Wäre da nicht der offensichtliche Rassismus.

Marie und der Nussknacker kommen an einer Menge seiner Untertanen vorbei, die fröhlich ihrer Beschäftigung nachgehen oder künstlerische Darbietungen zum Besten geben. Doch kaum treten Bedienstete auf, deren Aufgabe es ist, Marie und den Nussknacker zu einem Boot zu tragen und über den See zu schiffen, handelt es sich dabei um Schwarze Menschen. Der Erzähler wählt hier sogar durchgängig die Bezeichnung „Mohren“. Die seien „gar lustige Leute“, so die Aussage des Nussknackers, und gefährden mit ihrem Verhalten beinahe die Überfahrt. Später, als der Erzähler in den schönsten Beschreibungen die Pracht der Hauptstadt einfängt, gehören zu dem majestätischen Bild natürlich auch siebenhundert Sklaven.

Der Rassismus in dieser Geschichte eröffnet eine Streitfrage, die vor einigen Jahren erst der Thienemann Verlag bei seiner Neuauflage von Die kleine Hexe ausgefochten hat: Gilt es, das Original zu bewahren? Oder sollten derart problematische Begriffe gestrichen werden? Es ist fraglich, ob sich in absehbarer Zeit ein Verlag dem aussetzen will und Nussknacker und Mausekönig in bereinigter Form herausbringen wird. Bis dahin liegt es bei den Eltern, ob sie beim Vorlesen lieber andere Begriffe einsetzen möchten.

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Wie es sich für ein Märchen gehört, ist auch bei Nussknacker und Mausekönig die Welt am Ende so, wie sie sein soll: Der Mausekönig ist besiegt und der Nussknacker kann wieder als rechtmäßiger König in sein Reich zurückkehren. Und weil sich Marie trotz seiner unansehnlichen Gestalt in ihn verliebt hat, ist er von seinem Fluch befreit und aus dem unförmigen Nussknacker ist wieder der junge, hübsche Droßelmeier geworden. Da lässt natürlich auch die Hochzeit nicht lange auf sich warten. Wörtlich heißt es, „Hierauf wurde Marie sogleich Droßelmeiers Braut. Nach Jahresfrist hat er sie, wie man sagt, auf einem goldnen von silbernen Pferden gezogenen Wagen abgeholt.“ Da wird einem ganz warm ums Herz. Oder? Das Happy End bekommt einen sehr merkwürdigen Beigeschmack, wenn man sich erinnert, dass zu Beginn der Erzähler ausdrücklich erwähnt, dass Marie gerade erst sieben Jahre alt geworden sei. Eine achtjährige Braut hinterlässt heute dann doch eher Bauchschmerzen als romantische Gefühle.

 

 

BALLETT

Pjotr Tschaikowski unterstreicht die Magie des Puppenreichs

Im Dezember 1892 wurde das Ballettstück Der Nussknacker in St. Petersburg zum ersten Mal aufgeführt. Idee und Musik stammen von Pjotr Tschaikowski, der mit Schwanensee und Dornröschen noch zwei weitere der berühmtesten Ballettstücke schrieb. Bei der Uraufführung stammte die Choreographie von Lew Iwanow. Seitdem haben viele große Choreographen dem Stück ihre eigene Handschrift verpasst.

Während im russischen Original die Hauptfigur den Namen Mascha trägt, hat sich in der Übersetzung der Name Klara durchgesetzt – nicht, dass das für das Stück in irgendeiner Form relevant wäre, die Namen fallen ohnehin nur im Programmheft. Der wohl auffälligste Unterschied in der Handlung zu E. T. A. Hoffmanns Original ist die Kürze. Das Ballettstück besteht lediglich aus zwei relativ kurzen Akten, entsprechend wurde die Konfrontation von Nussknacker und Mausekönig auf eine Schlacht zusammengestrichen.

Zum Herzstück der Handlung wird auf der Bühne die Reise ins Puppenreich. Verschiedene Figuren geben hier ihr Können zum Besten. Dabei vermitteln die unterschiedlichen Tanzstile mit Einflüssen des Russischen oder Arabischen eine gewisse Exotik. Was in Schwanensee der Auftritt der Schwäne ist, ist in Der Nussknacker das Solo der Zuckerfee: Ein Musikstück, das auch außerhalb des Balletts beinahe jedem bekannt sein dürfte. Wer genau hinhört, kann die Anfangssequenz in der musikalischen Untermalung unzähliger Weihnachtsfilme wiederfinden. Auch tänzerisch für mich ganz klar der Höhepunkt des Stücks.

Interessanter Weise interpretiert das Ballett das Puppenreich und damit auch die Auseinandersetzung zwischen Nussknacker und Mausekönig rein als Klaras Fantasie. Das Mädchen schläft mit seiner geliebten Nussknackerfigur im Arm ein und erwacht am Ende auf die gleiche Weise. Den Kampf, die Verwandlung des Nussknackers und die Tänze im Puppenreich erträumt sie lediglich.

 

BLOCKBUSTER

Es ist nichts Neues, dass Disney gerne mal eine klassische Geschichte nimmt, sich ein paar Namen und Themen herausschreibt, das Buch verbrennt und das, was übrigbleibt, gehörig mit eigenen Ideen ausschmückt. Auch Der Nussknacker und die vier Reiche ist in dieser Hinsicht eine typische Disneyproduktion.

Als Clara im Haus ihres Paten Drosselmeyers ihr Weihnachtsgeschenk sucht, landet sie in einer anderen Welt. Bald erfährt sie, dass ihre Mutter Marie einst die Königin hier war. Das Volk könnte nicht glücklicher über das Auftauchen ihrer Prinzessin sein. Denn die vier Reiche sind entzweit. Die Zuckerfee und die Regenten des Blumenlandes und des Landes der Schneeflocken, fürchten sich vor einem Angriff von Mutter Ingwer. Unterstützung erhält diese von den Mäusen, allen voran dem frechen Mauserink. Doch auch Clara muss sich dem Kampf nicht alleine stellen, denn der Nussknackersoldat Phillip steht ihr treu zur Seite

Ohne dass ich noch mehr über den weiteren Verlauf der Handlung verraten muss, wird klar: Es wurde so einiges geändert. Kurz habe ich tatsächlich überlegt, ob wir hier die Tochter der Marie aus der ursprünglichen Erzählung vor uns haben. Aber auch der Ansatz geht nicht auf.

Bei Disney wir Clara zur wahren Heldin der Geschichte. Zwar ist Marie bei E. T. A. Hoffmann die Hauptfigur und trägt ihren Teil beim Kampf gegen den Mausekönig bei, aber letztlich triumphiert der Nussknacker alleine. Hier hingegen tritt der Nussknackersoldat Phillip weit hinter Prinzessin Clara zurück. Schade finde ich dabei allerdings, dass ihn Zuschauer nie als Nussknacker identifizieren würden, würden die Filmfiguren die Ansprache nicht konsequent durchziehen. Von den anderen Soldaten unterscheidet er sich lediglich durch die Uniform – und durch seine Hautfarbe, die ihn wiederum mit dem Paten Drosselmeyer verbindet. Eine Hommage an das verwandtschaftliche Verhältnis im Original?

Clara (Mackenzie Foy, rechts) und Phillip (Jayden Fowora-Knight)
Phillip und Clara | © 2018 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Auch der Mausekönig hat einen völlig neuen Anstrich bekommen. Und hier wird es richtig merkwürdig: Es sprechen im Film zwar alle vom Mausekönig, doch im Grunde handelt es sich um eine Masse von Mäusen, die eine körperähnliche Formation annehmen. Ob sie tatsächlich eine Art anführende Macht dazu bewegt, oder sie einfach nur ein eingespieltes Team sind, wird leider nicht klar. Dabei ist der Titel Mausekönig ebenso irreführend. Denn die Mäuse sind nicht alleine der Gegner, sondern unterstützen die verstoßene Mutter Ingwer.

Am Ende entscheidet sich der finale Kampf zwischen Clara, der Zuckerfee und Mutter Ingwer. Während Märchenklassiker von Disney uns häufig eine Damsel in distress zeigen, geht Disney hier mit der Zeit und präsentiert Frauenpower pur. Dabei ist ein spannender und unterhaltender Film mit viel Fantasie entstanden. Allerdings hat dieser Film mit E. T. A. Hoffmanns Kunstmärchen genauso viel zu tun wie Elementary mit Sherlock Holmes.

 

Ein Märchen, viele Facetten

Auch wenn Nussknacker und Mausekönig von E. T. A. Hoffmann heute nicht mehr zeitgemäß erscheint, ist die Essenz der Geschichte ein wahrer Weihnachts-Klassiker. Zum Glück gibt es zahlreiche Umsetzungen des Stoffs, aus denen man wählen kann. Wahrlich zeitlos und dabei dennoch am nächsten am Original ist dabei die klassische Inszenierung von Tschaikowskis Ballett.

4 Kommentare

  • Buchperlenblog

    Huhu!
    Hat mir gerade richtig gut gefallen deine verschiedenen Ansätze, den Nussknacker und Mausekönig nachzuzeichnen. Ich mochte die Geschichte schon als kleines Mädchen, und ich mag sie immer noch sehr. Ich kann mich an eine Zeichentrick-Adaption erinnern, die ich häufig gesehen habe. Auch das Ballett ist immer wieder einen Besuch wert, erst letzten Dezember habe ich sie mir wieder einmal angesehen und bin nach wie vor begeistert!
    Auf die Disney-Variante war ich vorab sehr gespannt, fand sie am Ende dann aber doch nur semi gelungen. Klar, es ist eine neue Geschichte, aber für mich war vieles auch einfach zu viel Zuckerguss, zu wenig echter Mausekönig. War schon etwas schade!
    Deinen Artikel hab ich auf jeden Fall sehr gern gelesen, vielen dank dafür!

    Liebe Grüße,
    Gabriela

    • Sabrina

      Liebe Gabriela,

      vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Freut mich, dass dir der Beitrag so gut gefallen hat. Es gibt glaube ich eine ganze Menge von Filmadaptionen (ich kann mich sogar dunkel an einen Barbiefilm erinnern?), die mich bisher nicht überzeugen konnten. Schön zu lesen, dass es anscheinend auch gelungene Verfilmungen gibt. Vielleicht finde ich den Zeichentrick nächsten Dezember mal zum Anschauen.

      Liebe Grüße
      Sabrina

  • Elena

    Eine interessante Gegenüberstellung. Ich interessiere mich ja zum Glück sowieso in Vergleich zu vielen anderen herzlich wenig für Disney-Verfilmungen, da scheint in diesem Fall eine besonders starke Diskrepanz zu bestehen. Habe mir aber mal das Buch auf die Wunschliste gesetzt. Denn ich plane dieses Jahr mal einige Klassiker zu lesen und dieses Werk zählt definitiv dazu 🙂

    • Sabrina

      Liebe Elena,

      bin gespannt, wie dir das Buch gefallen wird. Viel Erfolg bei deinem Vorhaben, dieses Jahr einige Klassiker zu lesen!

      Liebe Grüße
      Sabrina

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