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Vom Talkshow-Host zum Autor: Wie lesenswert ist Graham Nortons Debütroman Ein irischer Dorfpolizist?

Duneen ist ein idylisches Dorf im Süden Irlands. Als Bauarbeiten eine Leiche zu Tage fördern, ist die Aufregung groß. Dorfpolizist Sergeant PJ Collins muss in seine neue Verantwortung erst hineinwachsen, alte Wunden reißen auf, neue Konflikte entstehen und ein Netz aus etablierten Lügen schützt mehr als nur den Mörder.

Graham Norton

Ich liebe die Graham Norton Show des britischen Senders BBC. Anders als in den meisten amerikanischen Talkshow-Formaten teilen sich hier verschiedene prominente Gäste die Couch. Dadurch kommt es häufig zu interessanten und witzigen Interaktionen. Wenn beispielsweise James McAvoy und Mark Ruffalo zeigen, wer von ihnen besser Einrad fahren kann. Oder wenn Friends Fan Emilia Clark einen sehr sympathischen Fanmoment neben Joey-Darsteller Matt LeBlanc hat. Das Herz der Sendung ist aber natürlich Host Graham Norton. Er schafft es immer wieder, eine Wohnzimmeratmosphäre zu kreieren, die die Stars ins Plaudern bringt. Dabei muss er nicht zwanghaft das Gespräch kontrollieren und gibt jedem Zeit, auch mal spontan ausführlich eine Anekdote zu erzählen. Seine sarkastischen Kommentare und sein ikonisches Lachen machen dabei immer gute Laune. Als ich mitbekommen habe, dass er unter die Autoren gegangen ist, musste ich seinen Debütroman Ein irischer Dorfpolizist einfach lesen.

 

Cosy Crime: Mord in irischer Dorfatmosphäre

Ein irischer Dorfpolizist ist ein typisches Cosy Crime, der Mord und die Ermittlungen finden in einer idyllischen Dorfatmosphäre statt. In Duneen kennt jeder jeden, alle haben irgendeine persönliche Verbindung zum Opfer, und noch viel wichtiger: ihre eigenen Theorien zum Mordfall. Ich fühlte mich direkt ins irische Landleben versetzt.

Den Mordfall selbst fand ich leider sehr vorhersehbar. Auch überraschende Wendungen und falsche Fährten haben nichts daran ändern können, dass mir schon sehr schnell klar war, wer der Mörder war. Entsprechend enttäuscht war ich von den Ermittlern, denen jeder Hinweis zugetragen werden musste und die es selbst dann nicht geschafft haben, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Aber Hauptsache, sie konnten sich am Ende großspurig auf die Schulter klopfen und zum gelösten Fall gratulieren. Lächerlich.

 

Komplexe Figuren, leider nicht ohne Fatshaming und Sexismus

Auf den ersten Blick wirkt das Figurenarsenal ziemlich gelungen. Dem Privatleben der einzelnen Dorfbewohner wird beinahe so viel Raum gegeben wie den Mordermittlungen selbst. So bekommt man als Leser die Chance, die Figuren wirklich kennenzulernen, ihren Alltag, ihre Familien und ihre Geschichte. Man lernt ihre individuellen Charakterzüge kennen, und fühlt bei ihren ganz persönlichen Höhen und Tiefen mit ihnen.

So weit, so wunderbar. Doch auf den zweiten Blick hinterlässt die Figurendarstellung an manchen Stellen einen bitteren Beigeschmack. Vielleicht, weil Kats Blogbeitrag zum Thema Body Image in der Literatur noch ganz frisch in meinem Gedächtnis war, ist mir extrem unangenehm aufgefallen, wie das Übergewicht von PJ thematisiert wird. Natürlich ist das der Grund, warum er weder Freunde noch eine Lebenspartnerin hat. Und sogar seine gescheiterte Karriere als Sergeant resultiert allein aus seinem Körperumfang. Damit die Leser auch ja nicht vergessen, wie fett er ist, wird regelmäßig erwähnt, wie unbeholfen er sich nur bewegen kann, wie abstoßend er auf andere wirkt, und wie viel er isst. Auch die Darstellung der meisten Frauenfiguren im Roman lässt zu wünschen übrig. Entweder lassen sie zu, dass die unglückliche Liebe zu einem Mann für Jahrzehnte ihr Leben bestimmt, sind etwas weltfremd oder anderweitig neben der Spur. Dafür können sie damit beeindrucken, wie sie ein Auto sicher durch gewöhnlichen Feierabendverkehr steuern. Da kann ich leider nur noch genervt die Augen verdrehen.

 

Für mich in Zukunft nur noch die Talkshow, bitte

Inzwischen hat Norton auch schon einen zweiten Roman, A Keeper, geschrieben. Die deutsche Übersetzung erscheint in Kürze unter dem Titel Eine irische Familiengeschichte. Beide Romane haben international viel Begeisterung hervorgerufen. An mir ist die Begeisterungswelle allerdings völlig vorbei geschwappt. Ein langweiliger Mordfall und die stellenweise missliche Figurendarstellung konnten mich überhaupt nicht überzeugen. Weitere Bücher Grahams werde ich mir voraussichtlich nicht mehr anschauen.

! Triggerwarnung:

Spoiler anzeigen

Der Roman enthält: sexuelle Gewalt, Alkoholsucht, Fatshaming.

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