Musical

Hamilton:
Warum die Broadway-Sensation ihren Hype wert ist

Hamilton ist die Broadway-Sensation des Jahrzehnts. Dabei ist Alexander Hamilton, der dem Musical seinen Namen und die historische Vorlage liefert, heutzutage nicht gerade ein Publikumsmagnet. Zwar ziert er als einer der Gründerväter der USA die 10 Dollarnote. Doch bis Lin-Manuel Miranda sein Leben auf den Broadway brachte, war er den Wenigsten ein Begriff.

Der Hype um Hamilton hat mich neugierig gemacht, das Konzept des Musicals hat mich fasziniert, und die Songs gehen mir schon seit Monaten nicht mehr aus dem Kopf. Klar, dass ich mir da eine Vorstellung im Victoria Palace Theatre während meines Advent-Trips nach London nicht entgehen lassen konnte.

Hamilton Tickets vor dem Victoria Palace Theatre in London

Die Broadway-Sensation in Zahlen

Der unfassbare Erfolgszug dieses Musicals lässt sich am besten in Zahlen beschreiben. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen, unter anderem einem Pulitzer-Preis, hat Hamilton beim Tony-Award, dem Oscar der Theater- und Musicalbranche, 2016 richtig abgeräumt. Mit 16 Nominierungen hält das Musical den Rekord für die meisten Tony-Nominierungen aller Zeiten. Davon gewann es in insgesamt 11 Kategorien, unter anderem bestes Musical. Zeitweise war es praktisch unmöglich, an Tickets für die Broadway-Produktion zu kommen. Vorstellungen waren rund ein Jahr im Voraus ausverkauft. Tickets wurden auf dem Schwarzmarkt für über 700 $ verkauft. Zur Abschiedsvorstellung von Lin-Manuel Miranda stiegen die Schwarzmarktpreise CNN zufolge sogar auf knapp 10.000 $.

 

Die Geschichte hinter dem Musical: Alexander Hamilton

Alexander Hamilton ziert heute den 10 Dollar Schein. Eine Ehre, die ihm als einer der Gründerväter der USA zuteil wird. Dennoch ist sein Name lange nicht so bekannt, wie der von Thomas Jefferson oder gar George Washington. Dabei ist seine Geschichte die Verkörperung des amerikanischen Traums: Als uneheliches Kind wuchs Alexander Hamilton in ärmlichen Verhältnissen auf der Karibikinsel Nevis auf. Sein herausragender Verstand ermöglichte ihm ein Stipendium und damit die Einwanderung in die amerikansichen Kolonien. Während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs wurde er zur rechten Hand von George Washington. An der Gründung und Formung der Vereinigten Staaten war er maßgeblich beteiligt und wurde schließlich der erste Finanzminister der Vereinigten Staaten von Amerika.

 

Das Erfolgskonzept

Vermutlich wäre niemand außer Lin-Manuel Miranda jemals auf die Idee gekommen, ein Musical über eine historische Person zu schreiben, für die sich keiner interessiert. Die Idee an sich klingt erstmal, als hätte ein solches Musical eine sehr überschaubare Zielgruppe und das Potenzial zur Langatmigkeit. Dass es stattdessen ein solcher Megaerfog werden konnte, liegt an einem simplen wie genialen Konzept: Eine hochgradig modernisierte Inszenierung des historischen Stoffs.

 

Musik und Inszenierung

Alexander Hamilton verkörpert Hip-Hop – das war für Lin-Manuel Miranda der Ausgangspunkt, sein Musical zu schreiben. Damit stand für ihn fest, in welchem Musikgenre er sich bei seinen Songs überwiegend bewegen möchte. In die Melodien und Texte packte er all den Ehrgeiz und Widerstand, den Hamilton antreibt. Das Ergebnis: Die gerappten Texte packen das Publikum mit ihrer präzisen Wortwahl, erzählerischen Dichte und drängenden Energie. In Kombination mit den ebenso energiegeladenen und kraftvollen Tannznummern, ist es als Zuschauer*in ziemlich schwierig, brav auf dem eigenen Platz sitzenzubleiben.

Jedes Musical lebt von seiner Musik, doch bei Hamilton liegt die Sache nochmal etwas anders. Ursprünglich waren die Lieder von Lin-Manuel Miranda als ein Konzept-Album gedacht. Die Idee, das Ganze auf die Bühne zu bringen, folgte erst später. Entsprechend enthält das Musical nicht eine Zeile gesprochenen Dialog, sondern die gesamte Handlung besteht aus 46 Songs. Wer jetzt glaubt, den Soundtrack zu hören würde reichen, liegt gewaltig daneben. Der Soundtrack ist der absolute Hammer, doch erst auf der Bühne kommt wirklich Leben in die Geschichte. Als ich im Victoria Palace Theatre war, kannte ich den Soundtrack bereits auswendig. Die Handlung bot also keine Überraschungen mehr. Womit ich nicht gerechnet hatte: Die Szenen auf der Bühne sind unfassbar witzig. Und emotional, traurig und mitreißend. Aber vor allem steckt in der Gestik und Mimik der Schauspieler so viel mehr Humor, als der Soundtrack allein bieten kann.

Karl Queensborough als Hamilton und der West-End-Cast von Hamilton. © Matt Murphy
Casting

Das Casting in Hamilton ist alles andere als historisch korrekt und darin hoffentlich wegweisend für die Branche. Im Ensemble geben ebenso Frauen wie Männer die Soldaten des Unabhängigkeitskriegs. Keine der Hauptfiguren wird von Weißen Schauspieler*innen gespielt. In diese Entscheidung haben zum Großteil die Umstände des ursprünglichen Castingprozesses hineingespielt. So wählte beispielsweise Miranda Chris Jackson als Washington, weil die beiden Männer ein ähnliches Verhältnis wie das ihrer Bühnenfiguren verband – und weil Jackson die Aura von Washington perfekt verkörpert. Man könnte also sagen: Der Originalcast kam durch eine Missachtung der Geschlechter und Hautfarben zustande – in einer Form, die hervorragend funktioniert und damit hoffentlich der Branche zeigt, wie es geht. Um ein Zeichen zu setzen wurde auch bei späteren Castings daran festgehalten, die Hauptrollen mit Persons of Colour zu besetzen.

 

Klare Positionen

Offensichtlich ist die Sklaverei immer wieder Thema. Doch auch an Hamilton zeigt sich: Kaum eckt er an, stellen seine Gegenüber infrage, was er als Einwanderer überhaupt zu melden habe. So zeigt das Musical den Rassismus im Großen und im Kleinen Stil, während es mit seinem diversen Cast und Songzeilen wie „Immigrants: We get the job done.“ (Song: Yorktown) den Meltingpot Amerika feiert.

Neben all den wichtigen Herren der amerikanischen Geschichte könnten die Frauen in Hamilton schnell zu Randfiguren werden. Stattdessen erzählen sie in eigenen Songs von ihrer Rolle in der Geschichte. Dabei bringt besonders Angelica Schuyler wichtige Themen auf den Tisch: Zum Beispiel, dass die Unabhängigkeitserklärung Frauen außen vor lässt. Oder, dass von Frauen in erster Linie erwartet wird, bei der Wahl des Ehemanns die richtige Entscheidung zu treffen. Doch auch Eliza Schyler präsentiert sich ale willensstarke Frau, die ausdrücklich Position bezieht. Allen, die sich für den Feminismus in Hamilton interesseiren, kann ich ein Interview zwischen Emma Watson und Lin-Manuel Miranda für HeForShe Arts Week (Quelle: Youtube) empfehlen.

 

Der Mann hinter dem Musical: Lin-Manuel Miranda

Keine Frage: Erst Hamilton hat viele Menschen darauf aufmerksam gemacht, welches Genie in Lin-Manuel Miranda steckt. Doch schon während seines Studiums schrieb er das Musical In the Heights, das lateinamerikanische Musikstile und Hip-Hop mit herkömmlicher Musical-Musik verbindet. Inzwischen ist der Stil praktisch Mirandas Markenzeichen. In the Heights thematisiert die Auswirkungen des Struktuwandels in Großstädten auf ein Einwandererviertel und gewann 2008 den Pulitzer Preis und vier Tony Awards, unter anderem als bestes Musical.  Zu dem Zeitpunkt schrieb Miranda mit seinen noch nicht einmal dreißig Jahren bereits an Hamilton. Sowohl in In the Hights als auch in Hamilton begeisterte Lin-Manuel Miranda in der jeweiligen Hauptrolle die Zuschauer. Einem breiteren Publikum dürfte er als Jack in Mary Poppins Rückkehr bekannt sein, ebenso wie seine Musik für den Disney-Film Vaiana. Übrigens: Eine Filmversion von In the Hights kommt im Sommer 2020 in die Kinos – leider ohne Miranda.

 

Hamilton abseits von Broadway und West End

Stage Entertainmen wird eine deutschsprachige Inszenierung von Hamilton voraussichtlich im Herbst 2020 in Hamburg auf die Bühne bringen. Ich habe den größten Respekt für Übersetzer, besonders im Musical-Bereich. Bei Hamilton bin ich aber tatsächlich etwas skeptisch, inwiefern eine deutsche Übersetzung überhaupt an das Original herankommen kann, da viele der Texte mit genialen Reimen oder der Doppeldeutigkeit von Begriffen funktionieren.

Wer das Musical mit den englischen Texten sehen möchte, ohne nach London oder Amerika zu reisen, muss sich „etwas“ gedulden. Auf Twitter hat Lin-Manuel Miranda angekündigt, dass eine Aufzeichnung einer Aufführung des ursprünglichen Broadway Casts im Herbst 2021 in die Kinos kommt. Das Live-Erlebnis kann eine Filmaufzeichnung natürlich nicht ersetzen. Aber ich kann es definitiv nicht erwarten, Lin-Manuel Miranda höchst persönlich in der Rolle von Hamilton zu sehen.

2 Kommentare

  • Ivy

    Ich liebe dieses Musical, nach all den Jahren, noch immer SO SEHR. Tatsächlich würde ich sogar so weit gehen, es als mein Lieblingsmusical zu bezeichnen, hat mich kein anderes bisher so emotional berührt und mir vor allen Dingen auch so viel Freude bereitet. Selbst mein Freund konnte ich damit anstecken und noch heute hören wir auf längeren Autofahrten das Musical hoch und runter.

    Ich habe es im Januar 2018 gesehen. Ich weiß noch, wie ich im Januar 2017 voller Aufregung zwei Stunden lang versucht habe, Karten zu bekommen – für ein Jahr später. Es war so verrückt, so lange hatte ich noch nie eine Veranstaltung voraus geplant, doch hier war es mir tatsächlich egal. Ich wollte/brauchte diese Karten. Am Ende war es mir auch völlig egal wann haha Als wir das Musical dann ein Jahr später endlich sahen, war ich so hin und weg, dass ich direkt zu Beginn erst mal anfangen musste zu weinen.

    Mir bedeutet dieses Musical so unglaublich viel.

    Ganz liebe Grüße
    Ivy

    • Sabrina

      Liebe Ivy,

      vielen Dank für deinen sehr persönlichen Kommentar. Richtig cool, wie viel dir das Musical bedeutet. Ich kann total verstehen, was du meinst – für mich ist es auf jeden Fall mein Lieblingsmusical (ich habe aber auch noch nicht allzu viele gesehen). Zum Glück ist es inzwischen viel einfacher, an Karten zu kommen 😀

      Liebe Grüße
      Sabrina

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