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Hamburg erkunden #2: Geschichte zum Anfassen

Im Juni und Juli dieses Jahres hat es mich aus meiner Heimat, dem Schwabenland, in den Norden verschlagen. Wegen eines Praktikums bin ich für zwei Monate nach Hamburg gezogen. Eine Stadt, die ich davor noch nicht kannte. Es war eine aufregende Zeit für mich, in der ich viel entdeckt, erlebt und gelernt habe.

Museen, die Dinge in Vitrinen ausstellen und mit Infotafeln versehen, langweilen mich sehr schnell. Wofür ich mich jedoch begeistern kann, sind Museen, die originale Räumlichkeiten erhalten oder nachempfunden haben. Orte, die wie eine Zeitkapsel einen Eindruck davon vermitteln können, wie die Menschen früher gelebt haben.

 

Leben auf See: Die Rickmer Rickmers

Schon als ich das erste Mal an den Landungsbrücken im Hamburger Hafen entlang ging, fiel mir sofort die Rickmer Rickmers ins Auge. Wie könnte es auch anders sein? Zwischen all den kleineren Fähren des öffentlichen Nahverkehrs und den Booten für die Hafenrundfahrten fällt der Dreimaster unweigerlich auf. Unberührt vom geschäftigen Treiben um ihn herum thront er an seiner Anlegestelle.

Die Rickmer Rickmers wurde 1896 auf der Werft der Rickmers Reederei in Bremerhaven erbaut. Ihren Namen verdankt sie dem jüngsten Enkel des Firmengründers, der als Galionsfigur auch das Bug des Schiffes ziert. Sie ist ein Frachtsegelschiff, das 27 Jahre lange die Weltmeere durchkreuzte: bis 1916 unter deutscher Flagge, später dann als Segelschulschiff der portugiesischen Marine. Seit 1987 liegt die Rickmer Rickmers fest vertäut als Museumsschiff im Hamburger Hafen.

Die Rickmer Rickmers an den Landungsbrücken

An Bord wird überraschend viel geboten: Die Rickmer Rickmers vereint Museum, Restaurant, Escape Room und Kunstausstellung. Ich wollte vor allem einen Eindruck davon bekommen, wie das Leben auf diesem Schiff früher ausgesehen hat. Räumlichkeiten wie Kombüse, Schlafplätze, Werkstätten und Maschinenraum können besichtigt werden. Am eindrücklichsten fand ich, wie extrem begrenzt der Platz für die Besatzung war. Natürlich war mir klar, dass so ein Schiff nicht viel Platz bieten kann. Aber man fragt sich unwillkürlich, ob es den Menschen überhaupt noch möglich war, sich einmal um die eigene Achse zu drehen. Ganz anders sieht hingegen das Poopdeck aus, wo früher der Kapitän untergebracht war. Hier gibt es übrigens inzwischen auch einen Escape Room. Am meisten Spaß hatte ich allerdings auf dem Poopdeck. Mit Blick auf die Elbphilharmonie das riesige Steuerrad in der Hand und die schneidende Seeluft im Gesicht (es war wirklich sehr kalt an dem Tag!) fühlte ich mich direkt bereit für ein Abenteuer auf hoher See.

An Deck der Rickmer Rickmers

Im Rumpf des Schiffes befindet sich ein Restaurant mit wunderschönem Ambiente. Außerdem versteckt sich hier das Ausstellungsdeck und der oben bereits erwähnte Maschinenraum. Einerseits kann man sich hier über die Geschichte des Schiffes informieren, andererseits waren bei meinem Besuch auch Gemälde von Enno Kleinert ausgestellt, die die Rickmer Rickmers zeigen. So wie ich es verstanden habe, wechseln die Ausstellungen, aber keine Garantie!

Rickmer Rickmers: Bei den St. Pauli Landungsbrücken 1a | S1/S3/U3: Landungsbrücken

 

Reichtum einer Hansestadt: Das Hamburger Rathaus

Das Hamburger Rathaus ist natürlich kein Museum. Gleich zu Beginn der Führung, die ich mitgemacht habe, wurde klargestellt: Das Rathaus wird es sehr wohl noch für seine politischen Zwecke genutzt. Auch wenn seine Räumlichkeiten wie ein Relikt aus einer anderen Zeit aussehen und mehrmals täglich Touristengruppen hindurchgeführt werden. Die Außenfassade macht zwar deutlich mehr her als die der meisten Rathäuser, verrät aber dennoch nicht einmal annährend etwas über den Prunk, der die Besucher im Inneren erwartet. Daher sorgt schon die Eingangshalle bei den meisten für überraschtes Staunen. Die breite Treppe (die nicht nur mich an Hogwarts erinnern kann, oder??) scheint geradezu jeden Touristen dazu aufzufordern, sich für ein Erinnerungsfoto in Pose zu schmeißen.

Die Eingangshalle ist frei zugänglich

Allerdings bekommt man das wirklich Sehenswerte nur bei einer Führung zu sehen. Diese finden mehrmals täglich statt und dauern ungefähr eine dreiviertel Stunde. Hier erwacht die Historie des Hauses und der Hansestadt zum Leben. Denn jeder Raum erzählt ein Stück Stadtgeschichte, sei es über den großen Brand von 1842, den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg oder über ehemalige Bürgermeister. Während der Führung habe ich neben den historischen Fakten und Anekdoten auch viel über die aktuellen Gepflogenheiten und Regeln im Rathaus gelernt.

Eine Führung ermöglicht tiefere Einblicke

Rathaus: Rathausmarkt 1 | S1/S2/S3/U1/U2/U4: Jungfernstieg; U3: Rathaus

 

Zeitreise ins 19. Jahrhundert: Die Kramer-Witwen-Wohnung

Schon in meinem Beitrag zu den 10 schönsten Sehenswürdigkeiten in Hamburg habe ich die Krameramtsstuben unterhalb des Michels vorgestellt. Zwischen Süßwarenläden und Antiquariaten versteckt sich in der schmalen Gasse auch die Kramer-Witwen-Wohnung. Ursprünglich war an der Stelle um 1620 ein Landhaus mit Lustgarten erbaut worden. 1676 erwarb das Krameramt das Grundstück. Die Zunft der Einzelhändler richtete fünf Häuser ein, die Witwen von Zunftmitgliedern einen Ort zum Leben bieten sollten. Eines dieser Häuser dient heute als Museum. Über drei winzige Stockwerke erstreckt sich beispielhaft eine Witwenwohnung, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts ausgesehen hat. Authentisch vermittelt sie einen Einblick in die Wohnverhältnisse der Mittelschicht zur damaligen Zeit.

Kramer-Witwen-Wohnung: Krayenkamp 10 | S1/S3: Stadthausbrücke


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4 Kommentare

  • Nicole

    Danke für diesen tollen Beitrag. Ich bin ja auch ein großer Fan von Museen und finde es deshalb immer schade, dass sich das Klischee, dass sie langweilig sehen, hartnäckig hält. Das trifft auf viele Mussen überhaupt nicht mehr zu, da sich die Betreiber echt viel Mühe geben und Geschichte auch medial vermitteln. Besonders spannend finde ich es natürlich auch wenn ganze Räume aufgebaut sind, weil da das damalige Leben greifbar wird – das war bei meinem letzten Urlaub beim Museum of London der Fall, da hat man ein ganzes Stadtviertel aus der Viktorianischen Zeit rekonstruiert. Der Wahnsinn und das ganze gibt es dann sogar mit kostenlosem Eintritt, wir waren echt hin und weg.

    Deshalb wären die drei von dir vorgestellten Museen auch total meines. In dem Rathaus würde ich ja auch gerne arbeiten, irgendwie genial wenn man jeden Tag diese atemberaubende Architektur sehen kann.

    Lg Nicole
    litnetzwerk

    • Sabrina

      Liebe Nicole,

      danke für dein Kompliment!
      London ist meiner Meinung nach sowieso die beste Stadt für Museumsbesuche. Alle, die ich bisher gesehen habe, waren absolut sehenswert und dazu noch kostenlos. Da könnten sich andere Städte echt was abschauen.

      Es muss sicher ein besonderes Gefühl sein, im HAmburger Rathaus zu arbeiten statt zwischen langweiligen grauen Betonwänden wie in den meisten anderen Rathäusern.

      Liebe Grüße
      Sabrina

  • Janika

    Liebe Sabrina,
    das ist ein toller Beitrag. Ich komme ursprünglich aus Schleswig-Holstein und war schon immer viel in Hamburg unterwegs. Ich liebe diese Stadt! Warst du auch im Hamburger Dungeon? Das ist auch eine ganz andere Art des Museums. Du lernst sehr viel über die Hamburger Geschichte (Störtebecker, Pest & Co), aber das alles passiert auf eine etwas gruselige und schauspielerische Art. Ich liebe es und kann immer wieder ins Dungeon gehen <3
    Alles Liebe,
    Janika

    • Sabrina

      Liebe Janika,

      vielen Dank für den Tipp! Ich bin mal am Hamburger Dungeon vorbei gelaufen, aber nicht rein gegangen. Muss ich auf jeden Fall nachholen, wenn ich mal wieder da bin, klingt echt spannend.

      Liebe Grüße
      Sabrina

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