Die Radleys von Matt Haig
Buchrezension,  Hörbuch,  Literatur

Matt Haig: Die Radleys

Die Radleys sind keine normale Familie, auch wenn die Eltern Peter und Helen alles dafür tun, um so zu wirken. Aber wie normal kann eine Vampirfamilie trotz Abstinenz schon sein? Ohne eine Vorstellung zu haben, was sie selbst ist, wird Tochter Clara in einer bedrohlichen Situation von ihren Vampirinstinkten eingeholt und das Geheimnis der Radleys droht aufzufliegen.

Die Radleys von Matt Haig

Ich fand leider keinen Zugang zur Geschichte

Matt Haig hat sich im Laufe des letzten Jahres für mich zu einem Autor entwickelt, von dem ich einfach alles lesen möchte. Als ich mich bei einem digitalen Musikdienst durch die Hörbücher klickte und dabei Die Radleys entdeckte, war die Vorfreude entsprechend groß. Leider war ich am Ende regelrecht enttäuscht. Auch bei How to Stop Time, meinem ersten Roman von Matt Haig, dauerte es anfangs, bis ich in die Geschichte hinein fand und so gab ich mir auch jetzt immer noch einen Track und noch einen Track Zeit, um die Geschichte zu mögen. Der Moment ist jedoch nie eingetreten.

 

Vielversprechender Grundgedanke

Dabei ist der Grundgedanke der Story ziemlich vielversprechend. Endlich geht es einmal nicht um jahrhunderte alte Vampire voller Seelenqualen, die sich in eine Schülerin verlieben. (Das sind die Art von Vampirgeschichten, die ich bisher kannte). Es hat mir gefallen, dass die Radleys eine richtige Familie sind, dass es ihnen möglich ist, ganz auf Blut zu verzichten und sie keine Waldtiere jagen. Es hat mir gefallen, dass sich Clara und ihr Bruder Rowan mit ganz normalen Teenagerproblemen herumschlagen und irgendwie hat mir zunächst auch der Ansatz zugesagt, dass sie selbst bis zu Claras Zwischenfall überhaupt nicht wissen, dass sie Vampire sind.

 

Welt schwach ausgearbeitet

Allerdings ist das auch einer der Punkte, an dem ich begann, die Logik hinter der hier entworfenen Vampirwelt nicht zu verstehen. Vampire sind ganz klar eigenen Naturgesetzen unterworfen, sie vertragen keinen Knoblauch, entwickeln eine Sonnenallergie, Tiere meiden sie, sie können bei Nacht nicht richtig schlafen, müssen sich zumindest fleischhaltig ernähren und reagieren auf Blut – sogar andere rote Speisen wie rote Grütze, können einen Heißhunger auslösen. Zumindest Rowan scheint zwar bemerkt zu haben, dass er anders als seine Mitschüler ist, aber das war’s auch schon. Man könnte meinen, bei all diesen Naturgesetzen müssten die Kinder schon früher mal bemerkt haben, dass sie keine Menschen sind. Leider ergaben sich im Verlauf des Romans noch mehr solcher Punkte und so erscheint mir die Welt insgesamt eher schwach ausgearbeitet: Vampire können fliegen. Aber wie? Entscheiden sie sich einfach gegen die Schwerkraft und lenken, indem sie ihr Gewicht verlagern wie bei einem Hoverboard? Es wird nie beschrieben, sie fliegen einfach. Genauso scheint es keinen Mittelweg zwischen einen Menschen zu töten und ihn zu verwandeln zu geben. Was passiert, wenn ein Vampir von einem Menschen trinkt und dann ablässt? Keine Ahnung, der Roman scheint ein solches Szenario nicht vorzusehen. Dafür können sich Vampire scheinbar wunderbar voneinander ernähren und trotzdem wählt das keiner von ihnen als Ausweg, um kein Menschenblut zu trinken.

Während ich mir also immer mehr Fragen stellte, wie der Vampirismus in Die Radleys eigentlich funktioniert, plätschert die Story vor sich hin. Eine wirkliche Spannung wollte sich dabei nicht einstellen, ‚Plottwists‘ erahnte ich schon, bevor sie überhaupt eingefädelt wurden und ansonsten hat sich wohl meine Verwirrung davon abgehalten, wirklich in die Geschichte einzutauchen. Auch zu den Figuren baute ich keine wirkliche Verbindung auf. Der Fokus springt zwischen den vier Radleys, aber auch mehreren Nebenfiguren hin und her und so steht keine der Figuren lange genug im Mittelpunkt, als dass ich das Gefühl bekommen hätte, ihren Charakter zu verstehen. Je nach Bluteinfluss wechseln außerdem die Charaktereigenschaften der Vampire, was die Sache für mich zusätzlich erschwerte.

An Matt Haigs Schreibstil habe ich bei vergangenen Lektüren zu schätzen gelernt, wie er Träume und Sorgen der Menschen auf eine Weise einfängt, die von einer großen Beobachtungsgabe zeugt, und in einer ausdrucksvollen Sprache dem Leser vermittelt. In Die Radleys hat mir das gefehlt und so war die Enttäuschung wohl schon vorprogrammiert.

 

Nicht das beste Werk von Matt Haig

Die Radleys ist in meinen Augen definitiv nicht Matt Haigs bestes Werk. Trotz einer durchaus interessanten Grundidee mangelt es dem Roman an einer klar strukturierten Welt und ich persönlich vermisse Matt Haigs einfühlsamen Schreibstil.

6 Kommentare

  • Nicole

    Ich kannte den Autor bisher noch gar nicht und bin kürzlich mal via Twitter über ihn gestolpert. Möchte mir „How to Stop Time“ auch mal genauer anschauen. Dieses Buch werde ich trotz meiner Vorliebe für Vampire aber meiden, denn ich hätte da auch logische Probleme und frage mich wie es funktionieren soll, dass sie nicht wissen das sie Vampire sind. Schon alleine wenn sich mal jemand in der Schule verletzt, müssten sie ja darauf reagieren und sich nicht kontrollieren können. Kann deine Kritik also gut verstehen und finde es super, dass du da so ehrlich warst.

    Lg Nicole // Litnetzwerk

    • Sabrina

      Hallo Nicole,

      How To Stop Time kann ich dir wirklich sehr ans Herz legen!
      Ich glaube, die Vampire entwickeln hier erst richtigen Blutdurst, wenn sie es einmal probiert haben? Das hat für die Story sogar irgendwie funktioniert, macht aber grundsätzlich wenig Sinn. Vor allem, weil sie gleichzeitig sogar auf alles reagieren, dass nur rot aussieht.
      Ich finde, man muss auch bei seinem Lieblingsautor eingestehen können, wenn einem ein Buch nicht gefällt. Matt Haig schreibt völlig unterschiedliche Geschichten, da ist es im Grunde vorprogrammiert, dass mal was dabei ist, das einem persönlich nicht zusagt.

      Liebe Grüße
      Sabrina

  • Daniela | Livricieux

    Oh wie Schade, dass das (Hör-)Buch nicht überzeugen konnte. Ich hatte mir nämlich den Klappentext auch einmal durchgelesen und fand den Ansatz wirklich interessant. Aber wenn du sagst, dass das nicht so wirklich toll umgesetzt ist, dann kommen mir jetzt auch so ein paar Zweifel…

    Liebe Grüsse, Daniela

    • Sabrina

      Hallo Daniela,

      ich habe irgendwie immer ein schlechtes Gewissen, wenn meine Rezensionen anderen die Lust auf ein Buch verderben. Die Radleys hat mich leider wirklich enttäuscht. Vor allem, weil ich viel von Matt Haig halte und meine Erwartungen entsprechend hoch waren. Kennst du seine anderen Bücher?

      Liebe Grüße
      Sabrina

      • Daniela | Livricieux

        Huhu!
        Oh, ein schlechtes Gewissen brauchst du nicht zu haben, Rezensionen helfen ja auch bei der Entscheidungsfindung, grad wenn man sich eher etwas unsicher ist. Mit Matt Haigs Bücher habe ich ansonsten keine Erfahrungen.
        Grüessli, Daniela

      • Sabrina

        Das stimmt natürlich. Dafür schreiben wir Rezensionen schließlich. Ich habe nur immer diesen kurzen Moment, in dem ich denke: Oh nein, hoffentlich ist sie niemand, dem das Buch trotzdem gefallen hätte.
        In deinem Fall fände ich es wirklich sehr schade, wenn du mit Matt Haig zum ersten Mal durch die Radleys in Berührung kommen solltest. Er hat so viel bessere Bücher geschrieben, Ich und die Menschen oder Wie man die Zeit anhält zum Beispiel.

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