Ich und die Menschen von Matt Haig
Belletristik,  Buchrezension,  Literatur

Matt Haig: Ich und die Menschen

Als Andrew Martin, Professor für Mathematik in Cambridge, die Lösung zu einem als unlösbar geltenden mathematischen Problem findet, könnte das der Menschheit den Fortschritt bringen, der ihr bisher fehlt, um das Universum zu verstehen. Eine außerirdische Spezies erkennt die Bedrohung, entführt Andrew und ersetzt ihn durch einen von ihnen. Dieser neue Andrew hat die Aufgabe, sämtliche Spuren zu verwischen, die auf Andrews Erfolg hinweisen und so den Fortschritt der Menschheit zu verhindern. Dafür muss er zunächst einmal lernen, was es überhaupt bedeutet, ein Mensch zu sein und stellt dabei einige kuriose Beobachtungen an.

Ich und die Menschen von Matt Haig

 

Kein Roman über Aliens, sie kommen nur darin vor

Der Klappentext kann durchaus den Eindruck erwecken, dass es sich bei Ich und die Menschen um einen Science-Fiction-Roman handelt, der von der Interaktion einer außerirdischen Spezies mit der Menschheit erzählt. In gewisser Weise trifft das zu. Der namlose Ich-Erzähler ist ein Alien, der auf der Erde eine Mission zu erfüllen hat. Darum dreht sich die Handlung. Und die Frage, ob und wie er seine Mission erfüllt, ob er entlarvt wird und ob die Menschen um ihn herum am Ende überleben oder nicht, ist der spannende Motor der Geschichte. An keiner Stelle ist es dem Leser möglich zu vergessen, dass dieser Andrew kein Mensch ist. Er macht Fehler, benimmt sich, wie sich kein normaler Mensch je benehmen würde, verfolgt seinen Plan und kommuniziert mit seinen Artgenossen.

Dennoch wird die große Alien vs. Mensch Frage im besten Fall nur angeschnitten. Der Fokus liegt im Roman ganz klar darauf, was auf der persönlichen Ebene passiert. Da sich der Ich-Erzähler für Andrew ausgibt, besteht seine größte Herausforderung darin, seine Rolle möglichst glaubhaft denen gegenüber auszufüllen, die Andrew am nächsten stehen. Da wäre zum einen Isobel, Andrews Frau und ein Berg von Eheproblemen, die Andrew weder kennt noch versteht. Zum anderen wäre da Gulliver, Andrews Sohn, der wohl schon dem wahren Andrew mindestens genauso fremd war wie jetzt seinem außerirdischen Ersatz. Darüber hinaus steht der Erzähler vor einem verwirrenden Netz aus Kollegen, Freunden und Studierenden Andrews, das es zu entwirren gilt, ohne dass er das geringste von zwischenmenschlichen Beziehungen versteht.

Entsprechen blass bleibt die außerirdische Spezies. Der Leser erfährt weder einen Namen, noch erhält er eine plastische Beschreibung ihrer natürlichen Erscheinungsform. Lediglich aus dem Kontext gehen im Verlauf des Romans Eigenschaften hervor. Wie die Gaben, die sie besitzen, ihre technologischen Möglichkeiten und ihr Moralkodex.

 

Eine Außenperspektive auf die Menschheit

Matt Haig beschreibt in seinen Nachbemerkungen zu Ich und die Menschen, wie er im Jahr 2000 mit einer intensiven Panikstörung kämpfte. Während dieser Zeit kam ihm das menschliche Leben fremd vor und aus diesem Gefühl heraus entwickelte er die Idee zu diesem Roman. Doch erst mit einigen Jahren zeitlichem Abstand gelang es ihm dann, die Geschichte zu Papier zu bringen und mit der Welt zu teilen. Ich möchte behaupten, dass man beim Lesen der Geschichte spüren kann, dass hier jemand wirklich das menschliche Leben hinterfragt: All die kleinen, alltäglichen Dinge, über die wir nie nachdenken – bis hin zu den großen Fragen danach, was Liebe ist, oder ob Menschen grundsätzlich gut oder schlecht sind.

Kurz gesagt, in diesem Buch geht es um dich. Um all das Katastrophale, Sterbliche, Wunderbare, das dich ausmacht.

(Matt Haig: Ich und die Menschen. dtv 2013, S. 11)

Bereits in der Vergangenheit habe ich in anderen Büchern von Haig seine genaue Beobachtungsgabe bewundert. Er hat eine Art, treffend und dabei stets eloquent auf den Punkt zu bringen, was uns Menschen ausmacht. Während das in anderen Romanen eher nebenbei einfließt, dreht sich dieser Roman fast nur darum. Inszeniert wird er als Bericht des namlosen Ich-Erzählers an seine außerirdischen Artgenossen über seine Zeit auf der Erde. So beschreibt er ausführlich alles, das ihm am menschlichen Verhalten kurios vorkommt und reflektiert über das Beobachtete, wird dabei aber nur selten wertend. Vielmehr wird es dem Leser überlassen, sich ertappt zu fühlen und Selbstverständliches zu hinterfragen.

 

Schon jetzt ein Jahreshighlight

Es gibt nur wenige Bücher, die ich jedem empfehlen würde, ohne die persönlichen Vorlieben zu kennen. Ich und die Menschen ist so ein Buch. Die Geschichte ist spannend, witzig und romantisch. Sie dreht sich um die Beziehung zwischen Eheleuten, zwischen Vätern und Söhnen und ein bisschen auch um die Beziehung zwischen Menschen und Aliens. Und es kommt ein Hund darin vor. Laut dem Vorwort ist es scheinbar wichtig, das zu erwähnen. Was könnte ein Leser also an diesem Roman vermissen? Für mich ist er jedenfalls ganz klar schon jetzt ein Jahreshighlight.


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15 Kommentare

  • Seitenglueck

    Liebe Sabrina,
    das Buch habe ich mir letztens im Mängelexemplar Stapel geholt und bin schon sehr gespannt! 🙂 Bei matt Haig hat mir „Wie man die Zeit anhält“ leider überhaupt nicht gefallen, dafür war ich von „Notes on a nervous planet“ und „Gute Gründe, um am Leben zu bleiben“ absolut mega begeistert! Mal gucken, in welche Kategorie dieses Buch dann fallen wird.
    Deine Rezension finde ich aber auf alle richtig klasse! Solche Bücher, die man uneingeschränkt jedem empfehlen kann sind wirklich die besten.
    Ich freue mich aufs Lesen, vielen lieben Dank! 🙂
    Liebe Grüße,
    Yvonne

    • Sabrina

      Liebe Yvonne,

      wie schade, dass dir „Wie man die Zeit anhält“ nicht gefallen hat. Notes on a Nervous Planet steht auch schon ganz oben auf meiner Leseliste! Ich bin gespannt, wie dir „Ich und die Menschen“ dann gefallen wird.

      Liebe Grüße
      Sabrina

  • Ela

    Liebe Sabrina,

    was für eine schöne Rezension. „Ich und die Menschen“ steht auf jeden Fall auf meine Wunschliste, da ich von „Wie man die Zeit anhält“ total begeistert war. Ich hoffe sehr, dass mich andere Geschichten des Autors ebenso mitreißen können, aber dieses hier scheint ja auch ein Must-Read von Haig zu sein.

    Alles Liebe, Ela

  • Karo

    Hach, Matt Haig! Ich freue mich immer, wenn ich eine Rezension zu seinen Büchern finde. ‚Ich und die Menschen‘ war das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe und ich war sofort verliebt – und vor allem beeindruckt von der scheinbaren Mühelosigkeit, mit der er hier (und auch in seinen anderen Büchern) die Welt erklärt. Einfach ein toller, zeitgenössischer Autor 🙂
    Ich empfehle dieses Buch übrigens auch immer, wenn mich jemand nach Lesetipps fragt und ich die Lesevorlieben nicht genau einschätzen kann. Ich hab es auch schon einige Male verschenkt – und es kam immer gut an 🙂

    P.S. Ich hab es schon eine Weile still bewundert, aber jetzt muss es mal raus: Dein neues Blog-Design sieht richtig klasse aus!

    • Sabrina

      Liebe Karo,

      du hast es perfekt in Worte gepackt: „Die Mühelosigkeit, mit der er […] die Welt erklärt.“ ist genau das, was mich an Matt Haigs Büchern so beeindruckt. Die meisten schauen immer skeptisch, wenn ich erwähne, dass der Protagonist von Ich und die Menschen ein Außerirdischer ist. Ich glaube, ich muss das Buch auch einfach öfter ungefragt verschenken anstatt nur davon vorzuschwärmen.

      Vielen Dank für dein Kompliment zu meinem Design. Ich bin sogar selbst immer noch richtig glücklich damit und das ist bei mir eine Seltenheit 😀

      Liebe Grüße
      Sabrina

  • Nicole

    Das Buch klingt echt spannend. Ich muss wohl doch endlich mal was von diesem Autor lesen, der mir ständig begegnet, auch wenn ich es hier etwas schade finde, dass man über die Aliens nicht mehr erfährt. Ein paar Hintergrundinformationen hätte ich da trotzdem als wichtig erachtet, dass man auch eine Vorstellung über das Volk bekommt. Aber nichts desto trotz klingt das sehr spannend und du hast mich mit deiner Begeisterung neugierig gemacht, denn die spürt man beim Lesen der Rezension.

    Aww Dankeschön Sabrina, das freut mich echt sehr <3. Ich bin ja etwas erleichtert, dass ich nicht die einzige bin der es so geht :/. Ich nutze deshalb für Instagram unseren tollen Boden im Wohnzimmer, der ist dann doch immer ein recht schicker Hintergrund.

    Den cleanen weißen Look mag ich auch, aber da sich mein Schreibtisch etwas mehr für die Aufnahmen anbietet, bleibt es da bei mir auch bei Holz. Aber gut gibt schlimmeres und meine Bilder sehen hoffentlich trotzdem ansehnlich aus bzw. gebe ich mir da echt Mühe. Wobei ich im Sommer auch ein paar Bücher draußen shooten möchte, finde ich nämlich auch richtig schön die Natur mit einzufangen.

    • Sabrina

      Hallo Nicole,

      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.

      Aus dem Kontext ergibt sich durchaus ein Bild der Aliens. Zwar nur ein sehr schwammiges, aber es funktioniert für den Roman. Freut mich, dass ich meine Begeisterung richtig transportieren konnte mit diesem Beitrag.

      Aufnahmen draußen sind natürlich auch immer schön. Und je besser dann noch die Umgebung zum Buch passt, desto schöner. Oft finde ich es bei einzelnen Bildern auch interessant, wenn sie eben nicht clean weiß sind. Nur die Blogübersicht oder der Instagramfeed sehen dann so schnell chaotisch aus.

      Liebe Grüße
      Sabrina

  • Mila

    Mir haben bisher alle Bücher von Matt Haig gefallen und Ich und die Menschen ist tatsächlich eins, dass ich sehr gerne verschenke, da es bisher immer sehr gut angekommen ist….
    Liebe Grüße aus dem Buchreich ♥ #litnetzwerk

  • Janika

    Liebe Sabrina,
    über Matt Haig bin ich in diesem Jahr auch schon öfter gestolpert. Immer wieder bin ich auf seine Bücher und die wunderschönen Cover gestoßen. Auch die Klappentexte machen neugierig.
    Dennoch habe ich es noch nicht geschafft, eines seiner Werke zu lesen. Deiner Rezension nach zu urteilen sollte ich dies aber schnell ändern.
    Dieser Roman klingt nach einem Werk, was mich echt interessieren könnte und scheint auch viel Potenzial zu haben 🙂
    Mal schauen!
    Liebe Grüße,
    Janika

    • Sabrina

      Hallo Janika,

      ja, in Bloggerkreisen kommt man um Matt Haig kaum noch herum. Leider habe ich das Gefühl, dass er außerhalb noch nicht so bekannt ist. Klar, seine aktuelle Neuerscheinung liegt überall aus, aber das wars auch schon. Oder ist das nur in Stuttgarter Buchläden so?

      Du solltest auf jeden Fall mal ein Buch von ihm lesen! Und „Ich und die Menschen“ ist eine tolle erste Wahl.

      Liebe Grüße
      Sabrina

  • Angelique

    Danke für die Rezension!
    Ich habe Matt Haig erst vor kurzem entdeckt und bisher leider noch nichts von ihm gelesen, aber so viele seiner Bücher sprechen mich einfach unglaublich an. Ich glaube, durch deine Rezension weiß ich nun, welches Buch ich als erstes kaufen und lesen werde. Die Idee und Umsetzung, die du beschreibst, klingen erfrischend und ich bin echt sehr gespannt darauf!

    Liebe Grüße,
    Angie

    • Sabrina

      Hallo Angie,

      freut mich, dass meine Rezension dir geholfen hat, dein erstes Haig-Buch auszuwählen. Viel Spaß beim Lesen!

      Liebe Grüße
      Sabrina

  • Gabi

    Dieses Buch liegt hier schon eine Weile zum Lesen bereit und Deine Rezension macht gerade riesige Lust darauf, sofort damit anzufangen. Das was Du beschreibst ist genau das, was ich von dem Buch erhoffe. Und ich freue mich gerade total darauf 🙂
    LG Gabi

    • Sabrina

      Hallo Gabi,

      freut mich sehr, dass ich dir Lust auf das Buch machen konnte. Ich hoffe, es gefällt dir dann genauso gut wie mir.

      Liebe Grüße
      Sabrina

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