Buchrezension,  Literatur

Matt Haig: How to Stop Time

Tom sieht aus wie ein Mann Anfang 40. Doch in Wahrheit ist er älter, viel älter. Jahrhunderte alt. Er lebte bereits, als Elizabeth I England regierte. Es ist nicht so, dass er eines Tages einfach aufgehört hat zu altern. Sein Alterungsprozess nur stark verlangsamt. Und Tom ist nicht der Einzige, es gibt noch mehr Menschen in diesem Zustand, gezwungen, immer wieder ein neues Leben zu beginnen, um kein Misstrauen zu erwecken.

An diesem Buch führte für mich einfach kein Weg vorbei

Die Nachricht, dass Benedict Cumberbatch sich die Filmrechte (und die Hauptrolle!) sicherte, bevor der Roman überhaupt erschienen war, ließ mich aufhorchen. Doch erst die Rezension von Karo auf ihrem Blog fiktionfetzt machte mich richtig neugierig. Als das Buch dann auch noch von den #BakerStreetBookworms für den Lesemonat August ausgewählt wurde, waren das mehr als genug Gründe, es mir nicht sofort zu kaufen.
(Für Erklärungen und Links s. Ende dieses Posts).

 

Ich habe mich sofort in Haigs Schreibstil verliebt

How to Stop Time ist eine Ich-Erzählung aus Toms Sicht. Markant ist, wie viel Tom reflektiert: über seine Vergangenheit, Zeit im allgemeinen, das Leben und all die kleinen Dinge, die ein Leben ausmachen. Schlecht gemacht können Reflektionen in diesem Ausmaß schnell langweilig werden. Nicht hier. Alle paar Seiten stieß ich auf einen Satz, den ich mir merken wollte. Sonst markiere ich nie Stellen in Büchern, aber meine Ausgabe von How to Stop Time ist gespickt von Sticky-Notes. Ich habe mich sofort in Matt Haigs Schreibstil verliebt, in seine Fähigkeit, etwas Alltäglichem mit nur wenigen Worten Bedeutung und Tiefe zu verleihen. Die Stimmung ist dabei immer etwas melancholisch. Man spürt förmlich, wie die Unmenge an gelebten und noch ungelebten Jahren Tom belasten.

I have been so many different people, played so many different roles in my life. I am not a person. I am a crowd in one body.
I was people I hated and people I admired. I was exciting and boring and happy and infinitely sad. I was both on the right and wrong side of history.
I had, in short, lost myself.

(Matt Haig: How to Stop Time. Canongate 2017, S. 106)

 

Die Handlung verbindet gekonnt Toms Gegenwart mit Erlebnissen aus seiner Vergangenheit

Die Handlung folgt Tom zu unserer Zeit, er hat sich in London niedergelassen und arbeitet als Geschichtslehrer. Den Großteil des Buches machen jedoch Kapitel aus, die irgendwann in Toms Vergangenheit spielen. Zunächst hat mich das leicht irritiert. Man wird in ein Wechselbad der Gefühle geworfen: mal gibt es amüsante Anekdoten über Shakespeare, mal traurig-schöne Romantik, dann wieder schockierende Tragik. Die Vergangenheitskapitel wurden schnell zu meinem Lieblingsbestandteil der Geschichte und dennoch schienen sie zu stören, denn sie schienen die Haupthandlung auszubremsen. Erst langsam erkannte ich das Muster: Die Vergangenheitskapitel stehen immer im Zusammenhang zum Heute. Durch einen Namen, eine Straße oder auch nur einen flüchtigen Gedanken im Heute wird Toms Erinnerung an eine bestimmte Situation in seiner Vergangenheit geweckt. Nach und nach ergeben die Szenen aus Toms Gegenwart und seiner Vergangenheit ein Gesamtbild. Und je mehr ich von diesem Gesamtbild erkannte, desto näher brachte es mir Tom und die eine Frage, auf die alles zusteuert wurde immer deutlicher und drängender.

Die Lösung der Schlussfrage erfolgte dann jedoch beinahe in einem Antiklimax. Etwas zu schnell und beinahe lieblos findet die Handlung ein sehr plötzliches Ende. Das ist allerdings jetzt Kritik auf ganz hohem Niveau. Das etwas unglücklich geratene Ende hat mir persönlich dem Lesevergnügen insgesamt keinen Abbruch getan.

 

Ich möchte dieses Buch absolut jedem ans Herz legen

How to Stop Time ist wunderschön, inspirierend, unterhaltend, traurig, lustig. Es hat alles, was man sich von einem Buch nur wünschen kann und hat es damit auf die Liste meiner Lieblingsbücher geschafft. Jeder, der Englisch auch nur halbwegs versteht, sollte diese wunderschönen Worte auf jeden Fall im Original lesen.

 

Kommentierfrage

Ich will unbedingt noch mehr von Matt Haig lesen. Womit soll ich anfangen: The Humans (Ich und die Menschen), Reasons to Stay alive (Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben) oder The Radleys (Die Radleys)? Wer kennt die Bücher schon und kann mir eines besonders empfehlen?

Rezensionen anderer Blogger

Die #BakerStreetBookworms

#BakerStreetBookworms ist der Name, den die Autorin Adriana Popescu ihrem ganz frisch gegründeten Buchclub gegeben hat. Zu drei vorgegebenen Themen haben wir, die Mitglieder, selbst abgestimmt, welche Bücher wir lesen möchten. In der Kategorie „Mich gibt es auch als Film“ fiel die Wahl auf How to Stop Time, auch wenn die Verfilmung mit Benedict Cumberbatch bisher noch weit entfernte Zukunftsmusik ist.

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13 Comments

  • booksnstories

    Sehr schöne Buchempfehlung, vielen Dank. Das muss direkt einmal auf die „Noch zu lesen“-Liste.
    Ich habe schon viel vonMatt Haig gehört und auch schon einmal einen Anlauf mit „Ich und die Menschen“probiert,
    aber irgendwie hat das damals nicht gepasst. Dann starte ich doch einmal einen neuen Versuch mit diesem Roman.

    Buchige Grüße und weiterhin viel Spaß beim #litnetzwerken
    Christina

    • Sabrina

      Hallo Christina,

      freut mich riesig, das zu hören! Es macht mich immer glücklich, wenn ich jemanden auf eines meiner Herzensbücher neugierig machen kann. Viel Spaß beim Lesen!
      Schade, dass dir „Ich und die Menschen“ nicht gefallen hat. Das hat mich auch sehr begeistert. Haigs Bücher sind am Anfang manchmal etwas schleppend, das wirst du wahrscheinlich auch hier merken. Es lohnt sich aber, dran zu bleiben.

      Liebe Grüße
      Sabrina

  • Isabell

    Hey 🙂
    Das Buch habe ich ja auch schon seit einer Weile im Blick, weil jeder von Matt Haigs Büchern schwärmt. Ich habe bisher noch keine einziges von seinen Büchern gelesen, aber du machst mich definitiv neugierig.
    Ich hoffe doch sehr, dass ich bald mal dazu komme eines seiner Bücher zu lesen, weil jeder so begeistert ist.

    Liebe Grüße
    Isabell

    • Sabrina

      Hallo Isabell,

      freut mich sehr, dass ich dich neugierig machen konnte! Ich und die Menschen kann ich auch sehr empfehlen. Die Rezension dazu stelle ich in den nächsten Tagen online, weiß noch nicht genau, wann.

      Liebe Grüße
      Sabrina

  • Elena

    Deine Rezension macht definitiv neugierig, habe das Buch jetzt auf meine Wunschliste gepackt. „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“ hat mir nur mäßig gefallen.

    Viele Grüße
    Sandra

    • Sabrina

      Oh, wie schön! Ich freue mich immer, wenn ich jemand Neues auf dieses wundervolle Buch neugierig machen konnte. Schade, dass dir Ziemlich gute Gründe… nicht so gut gefallen hat. Kam leider immer noch nicht dazu, es selber zu lesen

  • Drea

    Hey 🙂

    das Buch steht auch auf jeden Fall noch auf meiner „To Read“ Liste. Zuerst wurde es hinzugefügt, weil es mir meine beste Freundin empfohlen hat, dann hab ich das mit Benedict heraus gefunden und dadurch ist das Buch recht weit hoch gerutscht. Ich hoffe ich schaff es, das Buch bald zu lesen, weil deine Rezension mir echt Lust darauf gemacht hat.

    Liebe Grüße

    Andrea

  • Eva

    Hallo!
    Als ich dieses Buchcover erspähte, musste ich gleich an die #BakerStreetBookworms denken ^^ Leider ist mein Englisch eher eingerostet, also habe ich mich nicht an dieses Buch heran getraut. Nachdem ich deine Rezension gelesen habe, hoffe ich aber sehr, dass es bald übersetzt wird!

    Liebe Grüße!
    Eva

    • Sabrina

      Hallo Eva,
      dann bist du also auch ein BakerStreetBookworm? 🙂
      Total schade, dass es noch etwas dauert, bis die deutsche Ausgabe erscheint, hätte es sonst auch schon viel mehr Leuten empfehlen können. Aber Vorfreude kann ja auch was Schönes sein.

      Ganz liebe Grüße
      Sabrina

  • Karo

    Hello! Erstmal: Vielen Dank für deine Rezension und auch für den Link zu meinem Blog 🙂

    Ich würde dir the Humans als nächstes empfehlen, einfach weil es eines meiner absoluten Liebslingsbücher ist. Reasons to stay alive fand ich zwar auch gut (weil unglaublich persönlich) aber The Humans hat mich mehr berührt – sogar noch einen Tick mehr als How to Stop Time. The Radleys habe ich noch nicht gelesen, steht aber auch auf der Leseliste 🙂

    • Sabrina

      Hallo 🙂 war für mich selbstverständlich, dich zu verlinken.

      Danke für die Empfehlung! Denke, es wird wirklich zuerst The Humans. Habe inzwischen entdeckt, dass meine Stadtbücherei sogar die deutsche Ausgabe hat. Mal schauen, wie mein innerer Kampf zwischen Geld sparen und auf Englisch lesen wollen ausgeht.

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