Literatur

Geständnis eines Harry Potter Fans

Ich bin ganz und gar ein Kind der Generation Harry Potter. Als ich gerade gut genug lesen konnte um mich durch ein Buch ohne Grafiken und mehr als hundert Seiten zu arbeiten, las ich den ersten Band. Damals hatte ich noch ein paar Bände zum aufholen, aber schon bald waren Diskussionen, was wohl im nächsten Band geschehen würde, Hauptbestandteil der großen Pausen. Ich, die Verkleidungen aller Art ablehnte, schlüpfte in einen Pullunder, hängte mir einen Bademantel um und rannte mit einem Stöckchen fuchtelnd und Zaubersprüche rufend durch die Wohnung. Hermine Granger war die Heldin meiner Kindheit. Hogwarts war mein Zuhause zwischen den Buchdeckeln und ich kehre immer wieder gerne dahin zurück. Auch heute trage ich gerne meinen (super gemütlichen!) Pullover mit dem Hogwarts-Logo und habe natürlich schon auf Pottermore herausgefunden, was mein Patronus ist.

Was ich sagen will: Meine Liebe zu Harry Potter hat mich seit meiner Kindheit begleitet und ist noch immer ein großer Teil von mir. Man könnte also meinen, dass ich gleich am ersten Tag im Laden stand, um The Cursed Child zu kaufen und schon fleißig spare, um das Theaterstück in London sehen zu können. Aber nein. Ich warte geduldig bis ich an der Reihe bin, es in der Bücherei auszuleihen.

Ich habe es nicht eilig, Das verwunschene Kind zu lesen

Mein Problem liegt darin verankert, was Harry Potter für mich bedeutet, was ich von Anfang an damit verbunden habe. Die Wahrheit ist nämlich, dass J. K. Rowling mich bereits im Epilog von Die Heiligtümer des Todes verloren hat.

Ich bin wirklich mit Harry und seinen Freunden groß geworden. Und ich meine damit nicht einfach nur, in meiner Kindheit die Geschichten gelesen zu haben – so wie man vielleicht mit den fünf Freunden groß geworden ist. Nein, das Besondere an Harry Potter war, dass er mit mir älter geworden ist. Gut, er war mir immer einen kleinen Schritt voraus, aber das war genau richtig: als siebenjährige las ich von diesem elfjährigen Jungen und seiner Zauberschule – jung genug, um selbst an meinem elften Geburtstag auf den Brief aus Hogwarts zu hoffen. Und so ging das Abenteuer weiter, bis hin zum finalen Kampf, nach dessen Ende Harry nun da stand und sich fragen musste, was wohl die Zukunft bringt – und nur zwei Jahre später machte ich mein Abitur (was zum Glück kein Kampf war) und stand vor den unzähligen Möglichkeiten einer ungewissen Zukunft.

Harry, Hermine und Ron waren die einzigen Helden meiner Kindheit, aus denen ich nie herausgewachsen bin, die ich nicht irgendwann altersmäßig überholt habe. Doch dann kam der Epilog und ich war es, die altersmäßig weit zurückgelassen wurde. All die Jahre war Harry mir nur so weit voraus, dass ich mich noch immer mit ihm identifizieren konnte. Denn neben Voldemord gab es doch so etwas wie Alltagsprobleme: eine neue Schule, neue Fächer, Streit mit Freunden, fiese Lehrer, Prüfungen, die erste Liebe …

Doch plötzlich ist es neunzehn Jahre später und Harrys Alltag dreht sich um seine Kinder, die selbst schon alt genug sind um nach Hogwarts zu fahren. Und ich sitze da und komme nicht mit. Weil dieses Leben noch so weit entfernt ist für mich. Ich bin Anfang zwanzig und will noch lange nicht darüber nachdenken, welche Namen ich meinen Kindern besser nicht gegeben hätte und wie ich ihnen an ihrem ersten Schultag ihre Sorgen nehmen kann.

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