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Robert Dinsdale: Die kleinen Wunder von Mayfair

Werbung | Rezensionsexemplar

England, Anfang 20. Jahrhundert: Als die junge Cathy unverhofft schwanger wird, gibt es in ihrer Familie keinen Platz für sie und ihr uneheliches Kind. Verloren und ängstlich folgt sie einer Stellenanzeige nach London. In Papa Jacks Emporium findet sie eine Anstellung und mit der Zeit auch ein neues Zuhause. Der außergewöhnliche Spielzeugladen öffnet nur im Winter seine Tore und verzaubert Klein und Groß mit seinem wahrhaft magischen Spielzeug. Die Jahre ziehen ins Land und mit Papa Jacks Söhnen wächst die nächste Generation von Spielzeugmachern heran. Doch haben Kaspar und Emil Godman überhaupt die Fähigkeit, wie ihr Vater Magie zu erschaffen?

 

Der Zauber von Spielzeug

Ein Spielzeugladen wie Papa Jacks Emporium lässt nicht nur Kinderherzen höherschlagen. Ein schwebendes Wolkenschloss, ein Papierwald, Geheimtüren und verwinkelte Gänge, bei denen es an jeder Ecke etwas Spannendes zu entdecken gibt, lassen einen Besuch hier zum Abenteuer werden. Und als Leser ist man mittendrin in diesem Abenteuer. Durch den lebendigen Erzählstil konnte ich förmlich sehen, wie Aufziehtiere durch die Gänge rennen, umgeben von warmen Lichtern und begleitet von Kinderlachen. Dinsdale ist es gelungen, in dieser Geschichte perfekt einzufangen, welchen Zauber Spielzeug ausüben kann.

Wenn man jung ist, will man Spielzeug, weil man sich älter fühlen möchte. Man tut so, als wäre man ein Erwachsener, und stellt sich vor, wie das Leben später sein wird. Aber ist man dann erwachsen, ist es umgekehrt; nun will man Spielzeug, weil man sich dadurch wieder jung fühlt. Man will zurück an den Ort, wo einem nichts schaden kann, hinein in eine Zeitschleife, die aus Erinnerungen und Liebe besteht.

(Robert Dinsdale: Die kleinen Wunder von Mayfair. Knaur Verlag 2018, S. 247)

Aus Holz geschnitzt, Papier geformt oder Blei gegossen, mit filigranen Mechanismen und von Hand bemalt: Das Spielzeug, das im Emporium verkauft wird, erweckt das Gefühl von Nostalgie an Kinderspielzeug, das schon vor Generationen aus den Regalen der Spielzeugläden verschwunden ist. Doch die Godmans fügen dem noch ihren ganz eigenen Zauber bei: Kisten, die von innen größer sind als von außen (nur in der Zeit reisen können sie leider nicht). Tiere aus Patchworkstoff, die aufgezogen treu wie ein echtes Haustier mit ihren Besitzern spielen und schmusen. Schaukelpferde, die wiehernd in ihrem Gatter auf einen Ausritt warten. Kindlicher Fantasie wird hier freie Bahn gelassen.

 

Ist es Magie oder Fantasie?

Es ist kaum möglich, auf die Handlung von Die kleinen Wunder von Mayfair genauer einzugehen, ohne zu viel preiszugeben. Aber so viel kann ich verraten: Viele der Ereignisse könnten so in der Realität nie stattfinden. Alle Magie beginnt und endet dabei natürlich mit dem Spielzeug. Eine kurze Beschreibung der Wunder, die die Godmans schaffen, reicht schon aus, um klar zu machen: das geht nicht wirklich.

Dennoch bringt der Roman diese Wunder auf eine ganz praktische Ebene. Die Godmans besitzen keine geheimen magischen Fähigkeiten. Sie haben lediglich nie ihre kindliche Fantasie verloren. Es ist diese Fantasie, die ihre Wunder möglich macht. Am Ende sind es Mechanismen aus Zahnrädern, die diesen Wundern Leben einhauchen. Doch am Anfang steht stets eine außergewöhnliche Idee und die Überzeugung, dass ihre Umsetzung möglich ist. Für mich persönlich hat der Roman sehr viel dadurch gewonnen, dass sich Dinsdale für diesen Ansatz entschieden hat. Dadurch werden die Wunder etwas mehr in unsere Welt gerückt.

 

Der „Lange Krieg“

Die Handlung folgt Cathy und den Godman Brüdern 47 Jahre lang. In dieser Zeit erleben sie zwei Weltkriege. Doch die wahre Schlacht, den „Langen Krieg“, tragen die Brüder schon seit ihrer Kindheit gegeneinander aus. Eine Rivalität, die als Spiel unter Kindern begann, nimmt immer drastischere Züge an. Irgendwann lassen sie nicht mehr nur Spielzeugsoldaten gegeneinander antreten. Sondern zwischen ihnen schwelgt ein Machtkampf um die besten Ideen, um Cathy, um das Emporium. Missgunst und Lügen treten an die Stelle von Vertrauen und Zusammenhalt. Wie ein roter Faden zieht sich das verändernde Verhältnis der Brüder durch die Romanhandlung. Zunächst erschien mir die Rivalität ziemlich kindisch und dass zwei junge Männer darauf ihre Zeit verschwenden können, schob ich darauf, wie abgeschieden vom Rest der Welt ihr Leben ist. Doch im Verlauf des Romans wird deutlich, dass es ganz alltägliche, wenn auch unschöne menschliche Gefühle und Ängste sind, die den Machtkampf anheizen und auf die Spitze treiben.

 

Ein ganzes Leben mit seinen Höhen und Tiefen

Papa Jacks Emporium ist ein Mikrokosmos mitten in London. Die Familie Godman verlässt nur selten seine Hallen, sie leben stets inmitten der Wunder und kreieren stets neue. Man könnte meinen, dass ein Roman, der an einem solchen Ort spielt, eine reine Wohlfühlgeschichte erzählt. Das tut Die kleinen Wunder von Mayfair jedoch nicht. Wie schon erwähnt wird hier ein ganzes Leben erzählt. Dabei wird deutlich, dass auch ein besonderer Ort wie das Emporium trotz all seiner Wunder seine Bewohner nicht vor dem Schrecken der Welt abschirmen kann. Nicht jedem sind die Godmans aus dem fernen Osten willkommen, der Weltkrieg hinterlässt seine Spuren und Investoren wollen schwarze Zahlen und keine Wunder sehen. Eindrücklich zeigt der Roman, was diese Erlebnisse und Sorgen mit einem Menschen machen können.

Einzig die Zeitsprünge haben mich stellenweise überfordert. Mir gelang es nur mit Mühe, das Bild der Figuren vor meinem inneren Auge anzupassen. Zumal nicht alle Figuren eine Entwicklung durchlaufen. So fiel es mir schwer, zu glauben, dass am Ende 47 Jahre vergangen waren.

 

Ein facettenreiches Wintermärchen

Selten stoße ich noch auf Bücher, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie etwas Neues erzählen. Dieser Roman ist eine besondere Ausnahme. Natürlich sind auch hier nicht alle Handlungselemente neu. Neu ist die Kombination aus einer Welt voller Zauber und kindlicher Fantasie, die förmlich von den Seiten aufsteigen, mit ganz realen Sorgen und Ängsten der Protagonisten. Die kleinen Wunder von Mayfair ist eine Familiensaga, eine Liebesgeschichte, ein historischer Roman, ein Wintermärchen.

Vielen Dank an den Droemer Knaur Verlag für das kostenlose Rezensionsexemplar. Meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.

 

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