Vox von Christina Dalcher
Buchrezension,  Literatur

Christina Dalcher: Vox

In der nahen Zukunft bilden Fanatiker die Regierung in den USA. Sie wollen eine von Männern dominierte, heteronormative Welt durchsetzen. Frauen dürfen nur 100 Wörter am Tag sagen. Sie dürfen nicht arbeiten, nicht lesen, das Internet nicht nutzen und nicht selbst über ihren Pass verfügen. Ehemänner und Väter bestimmen über ihr Leben. Jeder, der dem geforderten Familienbild nicht entspricht, wird weggesperrt. Jean war nie politisch engagiert. Doch als sie für ein geheimes Projekt der Regierung eingesetzt wird, könnte sie genau die Frau sein, die das System ins Wanken bringt.

Vox von Christina Dalcher

 

It’s a man’s world

In der Buchbloggerszene war Vox schon vor Erscheinen gefühlt in aller Munde. Kein Wunder. Denn während die Forderungen nach Gleichberechtigung immer lauter werden, trifft Christina Dalcher mit ihrem Roman genau den Nerv der Zeit. Vox führt uns auf brillante Weise vor, wie eine Welt aussehen könnte, in der Frauen unterdrückt und alle, die nicht dem geforderten Familienbild entsprechen, weggesperrt werden. Es ist eine Welt mit ekelhaften Grundsätzen und widerlichen Methoden. Eindrucksvoll zeigt der Roman die Realität eines solchen Systems.

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Intelligente und überdurchschnittlich begabte Frauen und „Unreine“ verschwinden aus Politik und Forschung. Die Lücken füllen jene aus, deren entscheidende Qualitäten lediglich darin bestehen, dass sie männlich und „rein“ sind. Junge Mädchen lernen nicht, grammatikalisch vollständige Sätze zu bilden. Aber sie sagen sowieso lieber den ganzen Tag kein einziges Wort, um die Klassenbeste zu sein. Heranwachsende Jungen verlieren jeglichen Respekt vor ihrer Mutter. Frauen fällt es schwer, ihre ohnmächtige Wut und ihren Hass nur gegen das System zu richten. Stattdessen überschattet sie nach und nach auch die Beziehung zum eigenen Ehemann oder dem Sohn.

 

Jede Dystopie braucht ihre Heldin: Dr. Jean McClellan

Dr. Jean McClellan war früher eine der führenden Neurolinguisten des Landes. Mit einem Wortzähler am Arm ist sie gewaltsam auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter von Vieren reduziert worden. Berührt hat mich ihr täglicher Kampf, ihre Familie zusammenzuhalten, die in ein zwei Klassensystem der Geschlechter gespalten ist. Besonders eindrücklich fand ich ihre Wut auf sich selbst. Jean hat sich nie bei Bewegungen engagiert, ist nicht einmal immer wählen gegangen. Die politischen Veränderungen hat sie nicht beachtet, bis es zu spät war. Darin liegt für mich die Warnung, die Vox klar und deutlich ausspricht: Kämpft nicht erst für eure Rechte, wenn man sie euch weggenommen hat!

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Jean hat durchaus großes Identifikationspotenzial. Dennoch habe ich mich innerlich von ihr distanziert, sobald ihre Affäre mit ihrem Kollegen Lorenzo ins Spiel kam. Darüber hinaus hat diese Affäre für mich aber auch viel an der Story kaputt gemacht. Denn ich habe ein Problem mit der Romantisierung von Untreue. Ich verstehe, dass Jean ihren Ehemann Patrick immer mehr ablehnt. Zunächst hatte ich das Gefühl, das passiert, weil Patrick sich hilflos dem System beugt, anstatt aufzubegehren und für seine Frau und Tochter einzustehen. Damit würde der Roman sogar einen wichtigen Punkt machen: Während das Familienleben einer perfekten 50er-Jahre Bilderbuchfamilie erzwungen wird, zerbricht die Ehe auf einer emotionalen Ebene. Nur, dass die Ehe von Jean und Patrick schon davor kaputt war. Weil die Jean ihre Affäre schon hatte, bevor alles anders wurde. Damit haben sämtliche Aussagen, die Jeans und Patricks Eheprobleme über das System machen, ganz viel von ihrer Stärke eingebüßt.

 

Ratlosigkeit statt Spannungshöhepunkt

In Dystopien gibt es außerdem immer einen Wendepunkt – repräsentativ an der Hauptfigur festgemacht – mit dem das System entweder fällt oder sich als unumstößlich erweist. Auch in Vox gibt es natürlich einen solchen Wendepunkt. Dieser ist eng verknüpft mit dem geheimen Regierungsprojekt, an dem Jean arbeiten soll. Leider sind die geheimen Hintergründe des Projekts und vor allem der Wendepunkt äußerst schwach ausgearbeitet. Jean und ihr Team waren derart langsam, zu durchschauen, was Sache ist, dass ich zwischendurch stark an ihrer Intelligenz zweifeln musste. Dafür ist ihr Plan, sich gegen die Regierung zu wenden, derart verwirrend und knapp auserzählt, dass sich mir der Sinn einiger ihrer Handlungen absolut nicht erschlossen hat.

 

Der Roman verspricht mehr, als er hält

Vox könnte ein wichtiger Beitrag zu Feminismus sein. Er bezieht klar Position und präsentiert eindrücklich eine Welt, wie unsere nie werden darf. Leider verliert Vox ganz viel von seiner Stärke durch unnötige und schwach ausgearbeitet Handlungsstränge.

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