Museum,  Unterwegs

Anne Frank | In der Erinnerung: Das Anne Frank Haus in Amsterdam

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Das Firmengebäude von Otto Frank, in dessen Hinterhaus die Familie untertauchte, liegt in Amsterdam in der Prinsengracht 263. Seit 1960 dient es als Museum. Da ich erst kurz vor meinem Urlaub in Amsterdam Annes Tagebuch gelesen hatte, zog es mich – wie so viele andere Touristen auch – an den Ort des Geschehens. Im Rahmen meiner Themenwoche rund um Anne Frank darf ein Bericht über dieses ganz besondere Museum natürlich nicht fehlen.


Weitere Beiträge der Themenwoche

· Auftakt ·
· Anne in ihren eigenen Worten: Das Tagebuch ·

· Anne im Film: Das Tagebuch der Anne Frank (2016) ·


Wenn man an der Prinsengracht entlanggeht, merkt man schnell, dass das Anne Frank Haus den hübschen Kanal beherrscht. Der Touristenandrang ist riesig und das Museum selbst nimmt ungefähr gleich drei Häuser ein. So liegt der Eingang sogar um die Ecke am Westermark: Ein moderner Glaskomplex, der erstmal ziemlich unpassend erscheint, allerdings technisch perfekt darauf ausgelegt ist, mit dem Besucherstrom fertigzuwerden.

 

Hintergründe zur Vorgeschichte

Durch das Museum führt ein kostenloser Audioguide in ungefähr 10 verschiedenen Sprachen. Grundsätzlich bin ich kein Fan von Audioguides, weil ich zu ungeduldig bin, um ausschweifenden Erklärungen zuzuhören. Doch im Anne Frank Haus ist der Guide unentbehrlich. Bevor man als Besucher*in auch nur in die Nähe des Verstecks kommt, führt der Guide durch die geschichtlichen Hintergründe: Die Judenverfolgung im Nationalsozialismus und der Anschluss der Niederlande an das Dritte Reich wird aufgearbeitet. Gerade in Bezug auf die Niederlande habe ich dabei tatsächlich noch Neues gelernt, das über meinen Geschichtsunterricht aus der Schule hinausging.

In den ehemaligen Firmenräumen dann werden die Untergetauchten und ihre Helfer*innen vorgestellt. Anne geht in ihrem Tagebuch kaum auf die entsprechenden Informationen ein. So habe ich erst im Museum endlich verstanden, welche Rolle die Helfer*innen in der Firma offiziell hatten und was ihre eigenen Lebensumstände waren. Auch das Leben der Franks und der anderen Hinterhausbewohner vor ihrem Untertauchen wird aufgegriffen. Die Informationen sind kompakt und interessant aufbereitet. Übrigens decken sie sich nicht immer mit den Informationstafeln an den Wänden. Daher kann ich nur empfehlen, immer auch einen Blick auf die Tafeln zu werfen, die die Texte allerdings nur auf Niederländisch und Englisch anbieten.

© Anne Frank House / Photographer: Cris Toala Olivares

 

Das Versteck

Hat man den berühmten Bücherschrank erreicht, der den Eingang zum Versteck verbarg, endet der Audioguide. Die Begründung ist glaube ich, dass der Guide mit seinen Informationen nicht von einer ganz persönlichen Erfahrung ablenken soll, was ich für sehr taktvoll halte.

Da ich erwartet hatte, das Versteck so vorzufinden, wie es zu Annes Zeit aussah, war ich im ersten Moment etwas enttäuscht darüber, dass die Zimmer überwiegend leer sind. Allerdings habe ich dann erfahren, dass dieser Umstand auf den ausdrücklichen Wunsch von Otto Frank zurückgeht. Nachdem das Hinterhaus 1944 komplett geräumt worden war, entschied Otto Frank, es in diesem Zustand zu belassen.  Um dennoch eine Vorstellung von der ehemaligen Einrichtung zu bekommen, gibt es Bilder auf den Informationstafeln. Außerdem ist teilweise die Wanddekoration übrig, wie z.B. Annes Bilder von Schauspielern an ihrer Zimmerwand oder die Europakarte, auf der Otto Frank das Vorrücken der Alliierten nachverfolgte.

Obwohl die Zimmer leer sind, werden die beengten Verhältnisse mehr als deutlich. Hier staut sich automatisch der Besucherstrom und während man sich kaum vorwärtsbewegt, hat man nicht nur genug Zeit, jedes Detail in sich aufzunehmen, sondern kommt auch sehr schnell zu der Erkenntnis, wie furchtbar es gewesen sein muss, hier zu Acht für zwei Jahre eingepfercht gewesen zu sein. Die Fenster sind hier mit schwarzen Platten verschlossen, sodass man sich als Besucher*in selbst etwas eingesperrt vorkommt. Zitate aus Annes Tagebuch zieren die Platten und führen so immer wieder vor Augen, wie es für Anne war, hier zu leben.

© Anne Frank House / Photographer: Cris Toala Olivares

Als ich das Tagebuch gelesen habe, war ich immer wieder verwirrt von der räumlichen Aufteilung des Hinterhauses. Selbst durch die Räume zu gehen hat mir unglaublich geholfen, Annes Erzählungen in dieser Hinsicht besser zu verstehen. Gleichzeitig bin ich froh, dass ich das Tagebuch erst kurz vor meinem Besuch gelesen habe. So fiel mir zu jedem Raum direkt ein Ereignis aus dem Tagebuch ein und ich konnte diese leergeräumten, von Touristen überlaufenen Räume zumindest in meiner Vorstellung mit Annes Leben füllen.

 

Hintergründe zur Nachgeschichte

Nach dem Versteck setzt der Audioguide wieder ein. Die folgenden Räume führen durch das, was folgte, wo Annes Tagebuch endet: Der 4. August 1944, der Tag, als die Sicherheitspolizei das Hinterhaus stürmt, wird aufgerollt. Infotexte, Landkarten und KZ-Dokumente zeigen das weitere Schicksal der Hinterhausbewohner. Neben allgemeinen Informationen zu Konzentrationslagern erinnern sich Zeitzeugen in kurzen Videos an die letzten Lebenstage Annes. Auch auf die Folgen für die Helfer*innen wird eingegangen. Annes Vater meldet sich in Videos zu Wort. Er erzählt, wie er sich an seine Tochter erinnert und wie viel er über sie erst nach ihrem Tod durch ihr Tagebuch erfahren hat.

Diesen Teil des Museums empfand ich als den bedrückendsten. Während Annes Tagebuch auch in den dunkelsten Momenten voller Hoffnung auf die Zeit nach dem Krieg ist, zeigt das Museum hier die tragische Wahrheit. Im Grunde habe ich hier nichts erfahren, das ich nicht durch den Geschichtsunterricht auf einer sehr abstrakten Ebene schon gewusst hätte. Doch nachdem ich Anne in ihrem Tagebuch und im Hinterhaus begleitet hatte, erreichte mich ihr persönliches Schicksal auf einer emotionalen Ebene, wie es reine Fakten nie könnten.

© Anne Frank House / Photographer: Cris Toala Olivares

Am Ende des Museums ist ein Sammelsurium aus Schriften und Andenken der Hinterhausbewohner ausgestellt. Ein Raum ist allein Annes Tagebüchern gewidmet. Das bekannte rot-karierte Büchlein liegt ebenso aus wie die zahlreichen losen Blätter, auf denen Anne irgendwann weiterzuschrieb. Aber auch Briefe und Postkarten der anderen Hinterhausbewohner sind ausgestellt. Außerdem kommen Prominente zu Wort, die sich dazu äußern, was Anne Frank in ihren Augen bedeutet. Und damit wird die Brücke zu unserer heutigen Zeit geschlagen, bevor das Museum einen zurück in seinen eigenen Alltag entlässt.

 

Museum und Tagebuch

Vielleicht liegt es allein daran, dass ich Annes Tagebuch erst kurz vor meinem Besuch des Museums gelesen habe, doch für mich sind Museum und Tagebuch untrennbar miteinander verbunden. Anne geht in ihren Aufzeichnungen nur vereinzelt auf die politische Lage ein, natürlicher Weise fehlen Vor- und Nachgeschichte im Text. Das Anne Frank Haus rundet das Tagebuch ab. Zum einen wurden die Ereignisse aus dem Tagebuch für mich bildhafter, als ich selbst in den entsprechenden Räumen stand. Zum anderen – und das ist das Entscheidende – stellt das Museum den geschichtlichen Kontext her, den man sich sonst selbst erarbeiten müsste.

Gleichzeitig kann ich mir einen Besuch des Museums ohne das Tagebuch zu kennen kaum vorstellen. Wer Das Schicksal ist ein mieser Verräter von John Green gelesen hat erinnert sich vielleicht an die Szene, als Hazel im Anne Frank Haus vor dem Buch steht, in dem sämtliche Opfer des Nationalsozialismus verzeichnet sind. Hazel muss in diesem Moment an all die Menschen denken, deren Namen zwar in diesem Buch stehen, an die sich aber heute niemand mehr erinnert. Mir ging es ähnlich, als ich vor dem Buch stand, das so unfassbar dick und dabei so winzig beschrieben ist. (Übrigens könnt ihr das Buch oben auf dem Bild im Hintergrund sehen). Der einzige Grund, weshalb Anne Franks Name nicht vergessen wurde, ist ihr Tagebuch.

 

Ein emotionaler Besuch

Nach meinem Besuch wurde ich häufig gefragt: „Und? Wie war’s?“ Eine schwierig zu beantwortende Frage, denn das Anne Frank Haus ist kein Museum, von dem ich hinterher voller Begeisterung meinen Bekannten erzählen konnte. Dabei hätte es theoretisch betrachtet Begeisterung verdient. Das Museumskonzept schafft es auf beeindruckende Weise, Anne Franks Geschichte und die geschichtlichen Hintergründe taktvoll und dabei sowohl informativ als auch emotional aufzubereiten. Doch gerade, weil es so emotional ist, hinterließ es bei mir einen dicken Kloß im Hals und ein bedrückendes Gefühl.

Ich habe das Museum alleine besucht. Obwohl ich spätestens am Ende eine warme Umarmung nötig hatte, war ich froh, diese Erfahrung in meinem eigenen Tempo und ohne Ablenkung machen zu können. Natürlich muss man dafür nicht gleich alleine reingehen. Aber ich würde dennoch jedem nahelegen wollen, sich nicht zu sehr auf die eigene Gruppe zu konzentrieren. Denn ein Besuch des Anne Frank Hauses lebt nicht vom Austausch, sondern von dem, was man persönlich für sich mitnimmt.

 

Organisatorische Tipps für euren Besuch

Tickets für das Anne-Frank-Haus gibt es nur über die Webseite. Sie sind für einen bestimmten Tag zu einem festgelegten Zeitfenster gültig und werden zwei Monate im Voraus freigegeben. Wegen des hohen Andrangs sind die Tickets extrem schnell ausverkauft, was einen spontanen Besuch im Grunde unmöglich macht. Für ganz Spontane gibt es zwar die Möglichkeit, morgens für den jeweiligen Tag noch Tickets zu kaufen, aber die Chancen auf Erfolg sind wohl sehr gering. Wie in den meisten Fällen legt das Ticket nur den Zeitpunkt des Einlasses fest, im Museum kann man sich dann so viel Zeit lassen, wie man gerne möchte. Für den Audioguide empfehle ich, eigene Kopfhörer mitzunehmen, um sich das kleine Gerät nicht immer ans Ohr halten zu müssen.

(Alle Angaben ohne Gewähr, Stand: Mai 2019)

Vielen Dank an die Abteilung Kommunikation des Anne Frank Hauses für mein kostenloses Presseticket.

© Anne Frank House / Photographer: Cris Toala Olivares

Anne Frank Huis

Westermarkt 20
1016 DK Amsterdam

Deutschsprachige Webseite

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